Tangofieber – Leseprobe

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Für alle Neugierigen, die die Lust am sinnlichen Tango für sich entdecken wollen, eine Leseprobe.

… Bis zu diesem Zeitpunkt haben wir komplett ohne Musik trainiert. Die hätte mich vermutlich sowieso nur durcheinander gebracht. Jetzt klingt ein sanfter Sound aus der Anlage, von der ich inzwischen weiß, dass sie sie extra für diesen Tag in genau diesem Raum installiert haben. Kaum hat die Musik eingesetzt, schaut Paul mir eindringlich in die Augen.
„Sobald ich das tue“, erklärt er, „hältst du den Blick und nickst leicht. Das ist dein Einverständnis in diesen Tanz.“
Ich lächle ihn an und kann mir nicht verkneifen zu fragen, was passiert, wenn ich nicht nicke.
„Heute wenig ratsam. Aber in diesem Fall wendest du dich nach kurzem Blickkontakt einfach ab. … Untersteh dich“, schiebt er grummelnd hinterher und fordert mich mit einer Kopfbewegung auf, gleichfalls Tanzposition einzunehmen. Sein Gesichtsausdruck ist ernst, ich sehe, dass sich seine Kiefer aufeinander pressen.
In mir verändert sich etwas. Von einer Sekunde auf die nächste. Als wäre ein Schalter umgelegt. Ich bin zurück in meinem Element. Ganz die alte Lisa. Wie damals, als ich mit Matt die Clubs der Stadt unsicher machte. Ich bin Lisa, für die das Tanzen zum Leben gehört, wie Essen und Schlafen. Die improvisiert, wenn sie sich an die richtigen Schritte partout nicht erinnern kann. Ich habe keine Angst mehr davor, einen Fehler zu machen. Schließlich tanze ich mit Paul. Und Paul ist nicht irgendwer. Paul ist Matts Tanzkünsten bei weitem überlegen.

* * *

Die Musik gibt den Takt unserer Bewegungen vor. Sie fließt vom Gehörgang ins Hirn und ergießt sich von da aus in jede Faser unserer Körper. Ich weiß nicht, ob Paul es auch wahrnimmt. Ich jedenfalls bin angefixt. Ich genieße, wie er Hand an mich legt. Erst mein Schulterblatt berührt, dann, als er enger greift, um mich in eine langsame Drehung zu ziehen, den ganzen Arm über meinen Rücken streckt bis zum Ansatz meiner Brust. Es kitzelt ein klein wenig. Aber mehr als das erregt es mich.
Wir tanzen langsam, mit weichen Bewegungen. Ich spüre, wie mein Körper sich an all das wieder erinnert. Die Schritte, die Drehungen. Nichts ist mehr fremd. Im Gedächtnis meiner Zellen ist die Schublade mit der Aufschrift Tango weit geöffnet. Das habe ich Paul zu verdanken.
Als er sich vor mich stellt, nachdem wir ein paar Schritte Hüfte an Hüfte gemacht haben, schmelze ich förmlich dahin. Sein Blick versenkt sich tief in meinen. Sein Atem fächelt über mein Gesicht. Den rechten Arm hat er über den Rücken auf meine linke Hüfte geschoben. Die linke Hand liegt unter meinem rechten Arm. Die Finger direkt unter der Achsel, der Daumen unmittelbar dort, wo sich meine Brust beginnt zu wölben. Er bewegt ihn ganz leicht, als wolle er mir ein Zeichen senden.
Für den Moment der Berührung werden mir die Knie butterweich. Paul fährt an meinem bloßen Arm entlang, zieht ihn leicht in die Höhe, und dann umschließen seine Finger sanft meine Hand.
Während unsere Füße ein offensichtliches Eigenleben führen, indem sie hin und her tippen, schwingen und kreisen, bewegen sich unsere Körper aufeinander zu oder entfernen sich voneinander, je nachdem, wie Paul es für richtig hält. Es ist unglaublich aufregend, sich von ihm führen zu lassen. Ich kann mich nicht erinnern, bei einem Tanz jemals eine solche intime Nähe gespürt zu haben. Früher, das mit Matt, war wunderschön. Dieser Tanz mit Paul gleicht einer Sensation.

Er verlagert sein eigenes Gewicht und meines und zwingt mich in eine Drehung, so dass mein Rock fliegt. Während des Trainings habe ich beinahe ausblenden können, dass ich darunter nackt bin. Jetzt wird es mir überdeutlich bewusst. Ob seine Hand irgendwann auf meine bloße Haut wandert, direkt unter den Stoff?
Immer, wenn er nach schnellen Bewegungen innehält, mich sanft in seinen Armen dreht, die Fingerspitzen darüber gleiten lässt und eine neue Figur einleitet, warte ich auf diesen einen Moment. Manchmal umschlingt er mich von hinten, so dass ich an seiner Brust liege. Natürlich ist auch das nur eine Tanzposition. Aber in diesen Augenblicken wünsche ich mir nichts sehnlicher, als dass er sich der Tatsache bewusst wird, dass ich mich ihm hingeben würde. Jetzt, auf der Stelle.
Aus dem Haarknoten, den ich heute trage, haben sich einzelne Strähnen gelöst und hängen mir wild ins Gesicht. Ich fühle mich wunderbar verrucht. Hin und wieder schließe ich die Augen, um auf meinen Körper zu lauschen, das Singen der Nervenbahnen wahrzunehmen. Ich tanze. Mit einem Mann, der dieselbe Leidenschaft dafür empfindet wie ich. Ich könnte glatt vergessen, was uns ursprünglich zusammengeführt hat.
Eine weitere Drehung und ich hebe beide Arme hoch über meinen Kopf. Paul gleitet mit seinen Händen an ihnen hinab und ist dabei meinem Gesicht mit seinem gefährlich nahe. Seine dunklen Augen glänzen. Neben dem Verlangen, das ich darin erkenne, gibt es auch einen Ausdruck, der unmissverständlich klar macht, dass er nicht dulden wird, wenn ich aus der Reihe tanze.
Dieser gleichzeitig sinnbildlich wie auch wörtliche Gedanke treibt mir ein Lächeln in die Mundwinkel. Ich bräuchte nur den Kopf noch etwas mehr heben und mich ihm ein wenig entgegenstrecken. Schon würden sich unsere Lippen berühren. Ob er mich bestraft, wenn ich es tue? …

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