Mittsommernacht – Romantik pur


Wusstet ihr, dass sich Jon und Theresa, die Hauptfiguren im Liebesroman INSEL DER NACHTIGALLEN, in der Mittsommernacht kennenlernen, unter fast lebensbedrohlichen Umständen? Aber lest selbst.

… Im Park, der parallel zur Küste verlief, kamen die Vorbereitungen für das Mittsommerfest in Gang. Theresa freute sich auf diesen Abend. Nur ein einziges Mal hatten sie und Tom den Termin für ihren Inselurlaub in die Sommersonnenwende legen können. Aber zum Fest hatte Tom nicht gewollt. Und sie allein auch nicht. Heute würde sie sich selbst ein Schnippchen schlagen und Elsa mitnehmen. In Begleitung eines Hundes konnte man zumindest sicher sein, dass es nicht langweilig wurde. Elsa sorgte wegen ihrer imposanten Erscheinung sowieso stets für Aufsehen.
          Als die Klippen im Westen wie Scherenschnitte gen Himmel ragten, schlüpfte Theresa in ihre Lederjacke, rief nach der Ridgeback-Hündin und verschloss das Haus. Sie wollte in den Park, von wo seit geraumer Zeit Musik und Stimmen zu vernehmen waren. Mittsommernacht hieß hier eigentlich Sankt-Hans-Abend, und er war geprägt von einem riesigen Johannifeuer und den Volksliedern, die in solchen Nächten gesungen wurden. Schon von weitem hörte sie die altmodische Melodie, zu der sich ein Karussell für die Jüngsten drehte. Am Strand hatte sich eine Menschentraube um die weithin sichtbaren, hoch lodernden Flammen des Mittsommernachtfeuers gebildet. Händler, Schieß- und Losbuden gab es hier nicht.
          Sie holte sich einen Rotwein und setzte sich auf die flache, graue Feldsteinmauer, die die Festwiese in weitem Bogen umgab. In unmittelbarer Nachbarschaft hatte sich eine Familie mit Zwillingen niedergelassen. Die beiden Mädchen ähnelten einander wie ein Ei dem anderen. Nur die Haarreifen im halblangen glatten Haar waren farblich verschieden. Sie hatten runde, ein wenig pausbäckige Gesichter, Stupsnasen und leicht tiefliegende Augen unter der gewölbten Stirn. Alles an ihnen wirkte auf eine besondere Weise niedlich.
          Die Mädchen versuchten, Elsa zum Spielen zu animieren. Sie gingen vorsichtig auf sie zu, beugten sich gleichzeitig nach vorn, als wollten sie ihr in die Augen schauen, und sprangen dann lachend und in die Hände klatschend zurück. Eine von ihnen war dabei deutlich übermütiger als die andere. Sie ermunterte ihre Schwester immer wieder aufs Neue zu diesem Spiel. Elsa wandte nicht einmal den Kopf. Nur daran, wie sie die Ohren aufstellte und die Augen ein klein wenig in Richtung der Mädchen drehte, war zu erkennen, dass sie deren Bewegungen aufmerksam folgte.
          Theresa nippte an ihrem Wein und sah den Leuten beim Tanzen zu. Das Gedränge war groß auf der hölzernen Bühne. Die Kapelle, ein paar ältere Männer, denen man die Leidenschaft am Musizieren deutlich anmerkte, spielte ohne Unterlass. Sie sann darüber nach, wer von denen dort oben wohl zu den Einheimischen gehörte und wer nicht. Wobei sie gern auch den Unterschied zwischen Insulanern und den Landsleuten vom Festland herausgefunden hätte. Sie überlegte, ob die Haarfarbe als Indiz gelten konnte, die Kleidung oder die Art zu tanzen. Aber nichts davon schien ihr wirklich als Maßstab geeignet zu sein.

Elsa rückte näher zu Theresa heran, legte den Kopf auf ihr Knie und blickte unter sorgenvoll in Falten gelegter Stirn zu ihr hoch.
„Langweilst du dich?“, fragte Theresa und kraulte die Hündin zwischen den Ohren. Aus den Augenwinkeln gewahrte sie, dass sie von irgendwoher beobachtet wurden. Sie schaute auf. Genau dort, wo die Umfriedung einen Bogen machte Richtung Westen, hockte ein Mann in Jeans und dunkelgrauem langärmeligem Shirt. Der Stoff konnte den trainierten Körper kaum verbergen. Strahlende Augen in einem kantigen Gesicht lächelten ihr zu.
          Theresa glaubte, ihn flüchtig zu kennen. Er nickte, als wolle er sie grüßen, und sie nickte ebenfalls. Dann stand er auf und kam zu ihr herüber. Er war groß und wirkte sehr männlich mit dem extrem kurz geschorenen Haar. Die Daumen betont lässig in die Hosentaschen eingehakt, die Finger leicht gespreizt auf den Schenkeln, schob er sich durch die Umstehenden. Als er vor ihr stand, rückte er mit einer schnellen Handbewegung eine imaginäre Krawatte zurecht und deutete währenddessen eine Verbeugung an. Dabei blieben seine Augen unverwandt auf sie gerichtet. Graublau, konnte Theresa jetzt aus unmittelbarer Nähe erkennen.
          „Guten Abend!“
„Sieht man mir so genau an, dass ich Deutsche bin?“, gab sie überrascht zurück und vergaß den Gegengruß.
„Sie werden’s nicht glauben – es steht Ihnen auf die Stirn geschrieben!“ Sein Lächeln wurde so breit, dass sich Fältchen in die Wangen gruben. Er hatte eine angenehm tiefe Stimme, klar und fest, die nicht die geringste Spur von Anspannung verriet. Irgendwie sexy!
          Sie beobachtete die Reaktion des Mannes auf die sofort einsetzende, hingebungsvolle Beschnüffelung seiner Hosenbeine durch Elsa. Die Hände hatte er jetzt komplett in den Hosentaschen vergraben. Sein Blick auf das Tier wirkte leicht amüsiert. Als die Hündin schließlich von ihm abließ, schaute er wieder zu Theresa und hielt ihr die Hand hin. „Ich dachte, ich kann Sie überreden.“ Mit dem Kopf machte er eine unmissverständliche Bewegung zur Bühne.
Im selben Moment richtete sich der Ridgeback auf und ließ ein Knurren vernehmen. Die Zwillingsmädchen, die der Inspektion des Fremden durch die Hündin fasziniert beigewohnt hatten, wichen erschrocken zurück.
„Ups! Ihr Bodyguard ist wenig begeistert“, sagte der Mann und hob mit gespielter Missbilligung eine Augenbraue. Wo hatte sie diesen gut aussehenden Typen nur schon gesehen?
          Theresa stellte das Weinglas auf die Mauer, ließ ihre Jacke von den Schultern rutschen, fuhr Elsa beruhigend über den Kopf und erhob sich. „Sie wird Sie im Auge behalten – das ist ihr Job.“ Dann machte sie einen Schritt auf den Mann zu und war augenblicklich von einem irritierend angenehmen Duft gefangen. Frisch und würzig zugleich, eine Spur fruchtig, aber nicht süß. Sie hoffte, dass ihm dieser winzige Moment, in dem ihr ihr Geruchssinn einen hinterhältigen Streich spielte, verborgen blieb. Nebeneinander schoben sie sich in die wogende Menge.

Der Mann bewegte sich zur Musik wie jemand, der Übung darin hatte. Seine Hände lagen angenehm kühl auf ihren Hüften. Und ihre Neigung, dem jeweiligen Tanzpartner die Führungsposition streitig zu machen, ignorierte er so gekonnt, dass sie es nach einer Weile nicht aufgab, sondern schlichtweg vergaß. Dafür gestand sie sich ein, dass ihr seine Gegenwart gefiel. Mit jeder Sekunde, die sie tanzten, ließ sie sich mehr auf den Rhythmus ein. Wann hatte sie das zuletzt getan? Und mit wem? Ewig her. Sie konnte sich nicht erinnern.
          Der Mann zog sie dichter an sich heran, machte ein paar schnelle Schritte, drehte sich mit ihr zwei-, dreimal um die eigene Achse und tanzte dann langsam weiter, ohne sie wieder aus seinem Arm zu lassen. Siedend heiß durchfuhr es sie. Er hatte einen muskulösen, festen Körper und war fast einen Kopf größer als sie. Sie hätte ihr Gesicht mühelos an seine Brust legen können, wenn ihr das nicht unangemessen hingebungsvoll erschienen wäre. Er atmete in ihr Haar hinein. Zumindest glaubte sie, das zu spüren. Den wunderbaren Duft seines Aftershaves hielt sie für eine plötzliche Verheißung. Erregend! Sollte sie etwa annehmen, dass dieser Urlaub mehr für sie bereit hielt, als ausgiebigen Schlaf und Zeit zum Lesen?
          Sie war es gewohnt, bei Männern Aufmerksamkeit zu erregen. Und manche ihrer Patienten ließen deutlich durchblicken, dass sie an ihr auch als Frau interessiert waren. Aber während all der Jahre mit Tom hatte sie nie auch nur die kleinste Affäre gehabt. Jedenfalls nicht real. Im Kopf schon. Hin und wieder. Besonders seitdem sie an ihren erotischen Geschichten schrieb. Aber warum auch nicht? Sie brauchte dafür ein besonderes Gefühl. Und das holte sie sich, indem sie an besondere Männer dachte. An diesen Typen beispielsweise, der damals für die Holzeinbauten an der Rezeption zuständig war. Wöller. Mit dem dunklen Haar, das er zu einem Zopf zusammen gebunden trug, hatte er ein paar geheime Sehnsüchte in ihr geweckt. Und die braunen Augen dazu – echt sexy! Immer, wenn sie daran dachte, wie er mit ihr geflirtet hatte, ging ihr das Schreiben wunderbar leicht von der Hand. War sie also auch jetzt offen für einen Flirt? Ach ja, bitte! Dagegen war doch nun wirklich nichts einzuwenden. Tom wusste, dass er sich auf sie verlassen konnte. Selbst wenn sie weit weg waren von einer Bilderbuchehe. Sie hatte nicht die Absicht, ihren Mann zu hintergehen. Lautlos seufzte sie in sich hinein.

Jon beobachtete jede ihrer Gefühlsregungen aufmerksam. Es entging ihm keineswegs, dass sie in Gedanken versunken plötzlich tief durchatmete. Für einen winzigen Moment drückten sich ihre kleinen Brüste dabei fester an seinen Leib. Sie zu spüren, gefiel ihm. Die Hand, mit der er ihre Rechte gehalten hatte, ließ er leicht an ihrem nackten Oberarm hinauf zur Schulter gleiten. Dann legte er sie ihr sacht in den Nacken, während seine Hüfte im Takt der Musik schwang und versuchte, die ihre ein wenig zu dirigieren. Er wusste, dass es eine besitzergreifende Geste war. Ob sie das  registrierte?
          Als seine Finger eher flüchtig auf ihrem Rücken entlang zurück zur Hüfte wanderten, ahnte er bereits, dass er damit ein Gefühlschaos in ihr auslöste. Für einen Moment geriet sie aus dem Gleichgewicht. Er nutzte das und presste sie mit beiden Händen an sich, als würde er ihr Halt geben wollen. Sie wiederum wagte offensichtlich nicht, ihm ins Gesicht zu sehen. Statt dessen kam ihr Atemrhythmus vollends aus dem Takt. Fürs erste ganz gut, dachte Jon und grinste in sich hinein.
          Die Kapelle wechselte den Rhythmus, spielte laut und schnell und sorgte dafür, dass sich die Bühne innerhalb von Sekunden in ein Tollhaus verwandelte. Die Holzbohlen ächzten unter stampfenden Schritten. Theresa schien geradezu erleichtert zu sein, als sie sich von ihrem Tanzpartner lösen konnte. Und im Nu war sie von der Ausgelassenheit der Leute ringsum angesteckt. Wie alle anderen riss sie die Arme hoch, applaudierte den Musikern und steigerte sich in ekstatische Verrenkungen hinein. Sie tanzte gut. Ihre Bewegungen waren fließend und sinnlich, beinahe ein wenig lasziv. Ständig drängte sich irgendein anderes Tanzpaar zwischen sie beide und verhinderte zu Jons großem Bedauern jede weitere Berührung. Dann wieder tanzten sie lachend aufeinander zu, hingen im Blick des jeweils anderen, vermieden aber zu sprechen. Bei dem Krach wär’ ohnehin kein Wort zu verstehen gewesen.

Theresa konnte sich später nicht erklären, warum sie die ersten Anzeichen nicht bemerkt hatte, warum sie überhaupt auf die Idee gekommen war, sich von diesem verzückten Gehabe derartig mitreißen zu lassen. Als ihr bewusst wurde, dass sie atemlos nach Luft rang, war es für eine besonnene Reaktion bereits zu spät. Sie zerrte am Halsausschnitt ihres Shirts. Das Asthmaspray! Es stand griffbereit auf der Konsole im Flur des Hauses. Aber sie brauchte es jetzt und hier! Kalter Schweiß trat auf ihre Stirn. Sie konnte nicht sprechen.
„Was ist mit Ihnen?“ fragte der Mann. „Was ist los?“
          Sie schüttelte seine Hand ab und drängte durch die Tanzenden hindurch von der Bühne. Um ihre Brust wurde es immer enger. Sie versuchte zu husten. Sie ahnte, dass die aufsteigende Panik ihren Zustand nur verschlimmerte. Doch sie hatte keine Kraft, sich dagegen zu wehren. Sie fühlte sich wie unter einer zentnerschweren Last. Als sie den angrenzenden Park erreichte, lehnte sie sich keuchend gegen einen Baum. Tränen traten ihr in die Augen. Sie wusste nicht, wie sie atmen sollte. Je mehr sie darum bemüht war, um so weniger Luft schien ihr Körper annehmen zu wollen. Ich ersticke, schoss es ihr durch den Kopf. Große Hitze überfiel sie. Gleich darauf spürte sie unglaubliche Kälte.
          Dann legte ihr jemand seine Hand auf den Rücken und ließ sie gleichförmig zwischen den Schulterblättern kreisen. Sie hustete gequält. Hatte das Gefühl, alles in ihrem Hals würde sich zusammenziehen.
„Umdrehen!“, sagte der Mann, „Stützen Sie sich am Baum ab! Ja, so ist gut.“ Seine Stimme klang bestimmt und strahlte Ruhe aus. Die Hand lag auf ihrem Rücken wie ein Schutzschild.
          Sie schloss die Augen, sog gierig Luft in sich hinein und hörte das merkwürdige Geräusch in ihrer Brust. Es schien ihr so laut, dass sie glaubte, jeder in der Nähe müsse es hören. Plötzlich entfernten sich dieses Geräusch und die Stimme des Fremden. Als würde jemand ihren Kopf in Watte packen. Angestrengt versuchte sie, ihren Blick zu fokussieren. Aber ihr Gesichtsfeld verengte sich zunehmend. Sie hatte das Bedürfnis, sich zu setzen.
„He, he, he – bleiben Sie schön hier!“ Der Mann hielt sie, als sie in die Knie ging und im Begriff war zusammenzusacken. „Es ist gleich vorbei.“ Sein Gesicht verschwamm vor ihren Augen. Sie folgte seiner Anweisung fast automatisch und richtete sich wieder auf. Rücklings lehnte sie erneut am Baum, den Kopf weit nach hinten gestreckt.
          Ein Arzt kam. Er und der Fremde wechselten einige Worte, dann halfen sie ihr, sich hinzusetzen. Der Fremde schob ihr etwas Weiches unter den Kopf, und Elsa war da und leckte ihr Ohr. Vielleicht saß sie schon die ganze Zeit neben ihr. Theresa hatte sie nicht wahrgenommen. Man legte ihr eine Sauerstoffmaske an, während der Fremde bei ihr hockte und unermüdlich ihre Hand hielt. Was die Männer sprachen, drang nicht bis zu ihr durch. Aber sie erholte sich. Das Atmen fiel leichter, der Blick wurde klar. Erschöpft versuchte sie ein Lächeln.
„Alles gut“, sagte der Mann und strich eine Strähne aus ihrem Gesicht. „Alles gut. Ich bringe Sie nach Hause.“
Sie konnte noch immer nicht reden. Aber jetzt allein sein, war das Letzte, was sie sich wünschte. Er musste es in ihren Augen gelesen haben.
„Keine Sorge! Ich bleibe bei Ihnen, versprochen. Ich und Ihr Bodyguard hier.“ Er tätschelte Elsas Flanke. „Wir werden Sie nicht aus den Augen lassen.“ Dann bugsierte er sie in ein Auto und fuhr sie den kurzen Weg zum Sommerhaus …

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