Schneemänner-Talk, das 8. Gespräch

Paul sieht Jacob durch den Schnee laufen. Den Schal trägt er in der Hand. Er ist schneller zurück, als gedacht.
»Und?«, fragt er, kaum dass der Freund das Haus betreten hat. »Hat sie noch was gesagt?«
Jacob schüttelt den Kopf. »Nichts Kriegsentscheidendes.« Als Paul ihn weiter neugierig mustert, fügt er hinzu: »Die meiste Zeit haben wir geschwiegen. Anstrengend, sich durch die Schneemassen zu kämpfen.«
»Hoffentlich sind die Straßen bald geräumt. Nicht, dass wir hier länger festsitzen.«
»Wird schon«, gibt Jacob zurück. »Ich will sie noch mal sprechen, bevor wir fahren.« Er hängt seine Jacke an die alte Garderobe und schlüpft aus den dicken Schuhen, die bereits Pfützen auf dem Steinboden hinterlassen haben.
»Na, du bist ja optimistisch.«
»Klar. Du nicht?«
Paul zuckt mit den Schultern. »Ihre Ablehnung war offensichtlich.«
»Ist doch wohl normal, oder?« Jacob legt ihm kurz die Hand auf die Schulter, wendet sich aber gleich wieder ab, um in die Küche zu gehen. »Unsere Idee ist so verrückt, dass man da kaum gleich ‚Hurra‘ schreit.«
Paul folgt dem Freund in die Küche. »Wir hätten noch abwarten sollen«, sagt er.
»Nein, hätten wir nicht. War genau der richtige Zeitpunkt, damit rauszurücken.«
Paul guckt skeptisch.
»Sie wird wiederkommen«, ist Jacob überzeugt.
»Was macht dich so sicher?«
Der Freund grinst. »Sie trägt meine Boxershorts.«
Darüber muss auch Paul lachen. Doch er wird schnell wieder ernst.
»Sie wird sich aus deinen Boxern genauso wenig machen wie wir früher aus fremden Höschen. Vielleicht landet sie als Trophäe über ihrem Bett. Aber dass sie sie zurück gibt …«
»Warten wir’s ab. Ich bin mir da ziemlich sicher.«
Jacob füllt den Teekessel mit Wasser, stellt ihn auf den Herd und entzündet mit einem Streichholz die Gasflamme.
»Was, wenn sie nicht wiederkommt?«
»Paul …«
Der hebt die Hand. »Warte, warte. Lass uns das einfach mal durchspielen … Was, wenn sie nicht wiederkommt?«
Jacob fährt sich durch seinen Bart. »Dann werden wir wohl warten müssen.«
»Worauf? Ich mach so ein Angebot nicht zweimal. Vergiss es!« Paul schüttelt den Kopf.
»Geht gegen deine Dom-Ehre oder wie?«
»Schon möglich.«
»Ich finde, wir sollten ihr eine angemessene Zeit zum Nachdenken einräumen.«
»Wir machen uns zum Löffel, wenn wir darauf warten, dass sie uns erhört.«
»Also, was jetzt – willst du sie oder willst du sie nicht?«
»Nicht um jeden Preis.«
Jacob mustert ihn. »Ich finde, es spricht für sie, dass sie nicht gleich eingeschlagen hat. Ich hab nämlich keine Lust auf eine Frau, die erst groß tönt, wie toll das doch alles ist, und zwei Monate später, wenn man sich langsam auf die Situation eingestellt hat, merkt, dass das eigentlich überhaupt nicht ihr Ding ist. Dann soll sie sich lieber zwei Monate Zeit nehmen, gründlich nachzudenken.«
»Zwei Monate?« Paul zieht entsetzt die Brauen hoch. »Dein Ernst?«
»Jetzt sei kein Krümelkacker. Vielleicht nicht zwei. Aber auf jeden Fall braucht sie Zeit. Wir werden sehen, wie viel.«
Paul steht auf, geht rüber zum Küchenschrank und greift nach dem Stapel Fachzeitschriften.
»Vielleicht ist das Ganze sowieso eine Scheißidee.«
»Ah, jetzt machen wir also doch noch einen Rückzieher?«
Er zuckt mit den Schultern. »Vielleicht hast du recht und sie steht wirklich nur auf dich. Vielleicht bin ich ihr zu grob, zu direkt … weiß der Geier!«
»Mann, das war doch nicht ernst gemeint, was ich heute früh gesagt habe. War nur ein Beispiel, verdammt.«
»Beispiel hin oder her, wir sollten die Möglichkeit in Betracht ziehen. Gibt einfach viele Frauen, die neugierig auf SM sind. Aber wenn’s ernst wird, nichts mehr davon wissen wollen.«
»So wie mit Clara wird es mit Louisa nicht – so viel ist dir hoffentlich klar.«
Paul guckt von seinen Zeitschriften auf. »Wie kommst du jetzt auf Clara?«
»Weil ich das Gefühl habe, dass du ständig Vergleiche ziehst.«
Paul schnauft und beginnt, in einem der Hefte zu blättern. »Ich ziehe keine Vergleiche«, sagt er wie nebenbei. »Jedenfalls nicht so, wie du denkst. Clara ist ein Mysterium, Louisa ein offenes Buch. An der Stelle ähneln sich die beiden nun wirklich nicht.«
»Wenn Louisa für dich ein offenes Buch ist, warum erkennst du dann ihre Neugier nicht?«
Wieder zuckt Paul mit den Schultern.
»Doch«, sagt Jacob. »Sie hat definitiv Lust, was auszuprobieren. Aber sie wagt nicht, es zuzugeben. Sie hat Angst vor einer Entscheidung.« Er verschränkt die Arme vor der Brust. »Und sie traut uns wohl nicht so richtig über den Weg. Unser Wissen über ihre Gepflogenheiten verunsichert sie. Sie glaubt allen Ernstes, wir hätten sie gestalkt.«
»Haben wir ja eigentlich auch.«
»Quatsch! Das ist doch kein Stalken. Wir haben Informationen eingeholt. Dass Anna so ein Plappermaul sein würde, wenn sie erst mal begonnen hat zu reden, konnte keiner ahnen.«
Pauls Mund verzieht sich zu einem wissenden Grinsen. »Die steht auf dich.«
»Wer? Anna?« Jacob lacht. »Aber ich will nichts von ihr.« Dann stützt er beide Ellenbogen auf den Tisch und beugt sich rüber zu Paul. »Sie fragt übrigens immer nach dir. Ich würde sagen, sie steht auf dich. Nicht auf mich.«
»Anna«, prustet Paul. »Flirten kann sie. Aber die hat mehr Schiss als Vaterlandsliebe. Wenn ich der den Arsch versohle, brüllt die das ganze Haus zusammen.« Er schüttelt den Kopf. »Nee, lass mal. Anna fällt aus.« …

Schneemänner-Talk, das 7. Gespräch

»Krass, oder?«
»Der Stromausfall?«
»Na, der war ja zu erwarten. Aber das meine ich nicht.« Paul schüttelt den Kopf. Seine Miene wirkt angespannt. »Das mit diesem Koks-Typen, von dem Louisa heute Nacht erzählt hat.«
Jacob schaut von seiner Arbeit hoch und wirft dem Freund einen nachdenklichen Blick zu.
»Meinst du, sie haben noch Kontakt?«
»Dann hätte sie uns angelogen.«
Er nickt und starrt wieder dieses vermaledeite Notstromaggregat an. Das Ding steht seit Urzeiten herum. Jedes Mal, wenn sie es brauchen, dauert es eine Ewigkeit, es in Gang zu setzen. Und jedes Mal saut er sich die Hände bis zu den Ellenbogen ein. Mist, verdammter.
»Wie man darauf kommt, so was zu Weihnachten zu schenken, ist mir ein Rätsel.« Paul hält ihm einen größeren Schraubendreher hin. »Der muss doch nicht mehr ganz dicht sein.«
»Tja, wie auch?« Jacob grinst. »Das Zeug hat ihm ja schon die Schleimhäute verätzt. Er ist nicht mehr dicht.«
Sie lachen.
»Dass sie nichts gemerkt hat …«
»Wie soll sie das merken? Sie ist kein Arzt.«
»Aber diese nasale Stimme fällt doch sofort auf …«
»Und dann würdest du automatisch darauf schließen, dass der Mann kokst?« Jacob wirft ihm einen skeptischen Blick zu. »Okay, du vielleicht. Und ich auch. Aber wenn man sich mit so was nicht auskennt …«
»Glaubst du ihr?«, will Paul wissen.
Jacob nickt. »Klar. Was sollte sie uns verheimlichen?«
»Dass sie es doch ausprobiert hat …?«
»Nee.« Jacob schüttelt den Kopf. »Das traut sie sich schon wegen ihrer Allergie nicht.«
»Und wenn doch?«
Jacob ist sich sicher, dass Louisa nichts dergleichen täte. Er hat ihre Panik gesehen, als ihr schon nach einem Schluck Bier die Röte ins Gesicht stieg und die Haut zu jucken begann.
Doch Paul lässt nicht locker. »Ich würde auch nicht jedem meine Jugendsünden auf die Nase binden.«
»Ach nee?«
»Bestimmt nicht.«
Wieder trifft ihn ein seltsamer Blick. Jacob richtet sich auf. »Na los, erzähl mal. Welche deiner Sünden kenne ich noch nicht?«
Paul beginnt zu lachen, schüttelt den Kopf und weist auf das Notstromaggregat, das noch immer nicht läuft.
»Wir haben Wichtigeres zu tun.«
Jacob wischt noch immer mit dem alten Lappen an seinen Fingern herum. »Was meinst du, wie lange es dauert?«
»… Keine Ahnung. Der letzte Stromausfall ist ewig her.«
»Hmhm, ich weiß.« Er setzt ein nachdenkliches Gesicht auf. »Aber bei den Schneemassen draußen sehe ich schwarz. Wir sollten uns auf mehr als ein paar Stunden einstellen.«
Paul deutet wieder auf das Aggregat. »Wenn das erst mal läuft, kein Problem. Der Ofen ist schnell angeheizt. Wäre nicht das erste Mal, dass wir uns ohne Strom behelfen müssen.«
»Nur, dass wir diesmal nicht allein sind.«
»Na wunderbar. Louisa kann nicht ins Hotel zurück. Wir haben also alle Zeit der Welt, uns mit ihr zu beschäftigen.«
»Und klarzumachen, was wir eigentlich von ihr wollen.«
»Das auch.«
»Lass uns die Gelegenheit nutzen.«
»Du meinst, weil sie nicht weg kann?«
»Möglich, dass das ein Vorteil ist. Aber ich meine, nutzen für ein vernünftiges Gespräch.«
»Wenn sich die Gelegenheit ergibt …«
»Paul!« Jacob ist selbst irritiert, wie laut er plötzlich spricht, und dämpft seine Stimme. »Lass uns Klartext reden. Je eher, desto besser. Ich will mich nicht in etwas hineinsteigern, dass keine Zukunft hat. Und sie soll das auch nicht tun.«
»Spielverderber!« Kopfschüttelnd fängt Paul an, in einer Ecke der Kammer herumzukramen.
Jacob wirft den Lappen auf das Aggregat. »Jetzt mal im Ernst – als Idee ist die Sache ja ganz witzig. Aber wie soll das real aussehen?«
»Oh Mann, haben wir doch ausgiebig besprochen.«
»Ach ja? Und sind wir uns wirklich darüber bewusst, was das mit unserer Freundschaft macht?«
Paul wendet ihm den Kopf zu. »Was heißt das jetzt?«
»Keine Ahnung. Sich eine Frau für einen Abend zu teilen, ist nicht dasselbe wie für ein ganzes Leben.«
»Schon klar.«
»Stell dir vor, einer von uns wird eifersüchtig?«
»Warum sollte er? Wir waren nie eifersüchtig aufeinander.«
Jacob legt den Kopf schief. »Hast du mal daran gedacht, dass sie sich vielleicht nur in einen von uns verliebt und den anderen als nötiges Anhängsel betrachtet?«
»Erst mal muss sie sich überhaupt verlieben.«
»Jetzt bleib doch mal ernst! Stell dir vor, sie will nur mich. Nehmen wir an, weil sie nicht auf BDSM steht.«
»Blödsinn! Sie schreibt darüber.«
»Stell es dir vor, Mann!«
Paul verschränkt die Arme vor der Brust. »Das ist wieder typisch. Warum sollte sie sich für dich entscheiden? Weil ihr dein Bart besser gefällt?« Sein Mund verzieht sich zu einem süffisanten Lächeln, während er sich über das eigene Kinn reibt.
Als Bart kann man das nun wirklich nicht bezeichnen, findet Jacob. Höchstens als Schatten.
»Ob mit oder ohne Bart, ist doch völlig wurscht, verdammt noch mal!«, sagt er. Dann will er weitersprechen, aber von draußen vernimmt er plötzlich ein Geräusch. Er macht eine Kopfbewegung Richtung Tür und legt sich den Finger über die Lippen. »Sie ist wach.« …

Schneemänner-Talk, das 6. Gespräch

»Schläft sie?«, will Paul wissen.
Jacob nickt. »Tief und fest.« Er geht hinüber zum Geschirrspüler und beginnt, ihn auszuräumen. »Ihr Hintern ist feuerrot.«
Paul schnalzt mit der Zunge. »Hast du etwa einen Blick unter die Decke riskiert?«
»Natürlich hab ich«, grummelt Jacob. »Muss mich doch überzeugen, dass alles in Ordnung ist.«
Bei diesen Worten schielt er rüber zum Esstisch. Doch Paul hat sämtliche Utensilien ihrer kleinen Session längst verschwinden lassen. So ein Idiot. Das wird sie ihnen bestimmt übelnehmen. Er greift nach den Tellern im unteren Geschirrkorb und stellt sie geräuschvoll klappernd in den Schrank.
»Ist was?«, fragt Paul, während er in einer Zeitschrift blättert.
Wie nicht anders zu erwarten, hat er sich sogar für die Feiertage mit Fachlektüre eingedeckt. Herrgott noch mal, kann er seinen Job nicht mal einen einzigen Tag ausblenden?
Jacob räumt wortlos weiter. Dann plötzlich richtet er sich auf. »So schnell mach ich bei so was nicht noch mal mit.«
»Was meinst du?«
»Na, das Spanking.«
Paul hebt den Blick. »Ernsthaft jetzt? Ist doch nix passiert.«
»Für Nix glüht ihr Arsch aber ordentlich.«
Paul lässt die Zeitschrift auf die Knie sinken. »Jetzt bleibt cool, Alter. Ich wollte wenigstens wissen, wie sie darauf reagiert.«
»Weil?«
»Kannst du dir doch wohl vorstellen, oder? Ich wüsste nun mal gern, ob sie wenigstens ansatzweise ein Faible für …«
»… deinen Sadismus hat?«, unterbricht Jacob. Dann schnaubt er verächtlich durch die Nase. »Und? Zufrieden?«
»Fürs Erste ja.«
»Fürs Erste? Lass es doch mal ruhig angehen, verdammt!«
Paul legt sein Fachblatt zur Seite, streckt die Beine weit von sich und schiebt die Hände in die Taschen.
»Ich versteh dich nicht, Jack. Bist doch sonst nicht so’n Mimöschen. Was ist mit dir los?«
Eigentlich gar nichts. Es ist nur … »Hier geht’s nicht um einen flotten Dreier.«
»Sondern?«, fährt Paul ihm in die Parade.
Irritiert hebt er den Korb mit dem Besteck heraus und stellt ihn auf die Arbeitsplatte. »Ich dachte, das soll mehr werden.« Er beginnt, die Messer zu sortieren.
»Klar soll es das. Trotzdem spricht ja wohl nichts dagegen, unsere Auserwählte auf Herz und Nieren zu prüfen. Sie muss für dich und für mich passen. Und ich hab nun mal spezielle Vorlieben.«
»Die seien dir auch gewährt, aber erstens haben wir uns geeinigt, dass du keine Spuren hinterlässt. Und zweitens, dass du auf die harte Gangart verzichtest.«
Paul grinst. »Wie jetzt? Hab ich etwa heute schon gegen beide Kriterien verstoßen?«
»Nein, aber …«
»Jack, mach dich nicht lächerlich.«
Jacob greift nach dem kleinen Schwamm auf dem Waschbeckenrand und schleudert ihn in Pauls Richtung. Der duckt sich weg.
»Hey, mein Freund. Was hast du für’n Problem? Na los, raus mit der Sprache.«
Scheiße, ja. Er hat tatsächlich eins. »Und wenn ihr das nun zu viel wird? Dass wir gleich am Anfang aufs Ganze gehen?«
»Wäre sie dann so feucht gewesen?«
Gedankenverloren zieht er die Teelöffel aus dem Korb. Vermutlich nicht. Das hat ihm auch zu denken gegeben. Wirkte ja fast, als wenn sie nur drauf gewartet hätte, mal so richtig versohlt zu werden.
»Ich schätze, uns fehlen wesentliche Informationen«, meint Paul. »Dass sie über BDSM schreibt, sagt nichts darüber aus, welche Erfahrungen sie selbst hat.«
Hoffentlich nicht allzu viele, denkt Jacob ernüchtert. Dann würde sie womöglich seine Art Erotik weniger antörnen als die von Paul. Mit einem Sadisten kann er nun mal nicht mithalten.
Er lässt die Klappe des Geschirrspülers zufallen. »Ich will, dass du sie vorerst in Ruhe lässt damit.« Sein Blick geht rüber zu Paul. Entschlossen.
»Sonst?«
»Nichts sonst«, erwidert er. »Ich geh einfach davon aus, dass du meine Wünsche ebenso respektierst wie ich deine.«
Paul zuckt mit den Schultern. »Heut ist Silvester – hast also einen Wunsch frei.« Sein Grinsen wird süffisant. »Aber wenn sie von sich aus …«
»Wird sie nicht«, unterbricht Jacob den Freund. Dann verschränkt er kampfeslustig beide Arme vor der Brust und starrt Paul an, als würde er sich jeden Moment auf ihn stürzen …

 

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