Schneemänner-Talk, das 8. Gespräch

Paul sieht Jacob durch den Schnee laufen. Den Schal trägt er in der Hand. Er ist schneller zurück, als gedacht.
»Und?«, fragt er, kaum dass der Freund das Haus betreten hat. »Hat sie noch was gesagt?«
Jacob schüttelt den Kopf. »Nichts Kriegsentscheidendes.« Als Paul ihn weiter neugierig mustert, fügt er hinzu: »Die meiste Zeit haben wir geschwiegen. Anstrengend, sich durch die Schneemassen zu kämpfen.«
»Hoffentlich sind die Straßen bald geräumt. Nicht, dass wir hier länger festsitzen.«
»Wird schon«, gibt Jacob zurück. »Ich will sie noch mal sprechen, bevor wir fahren.« Er hängt seine Jacke an die alte Garderobe und schlüpft aus den dicken Schuhen, die bereits Pfützen auf dem Steinboden hinterlassen haben.
»Na, du bist ja optimistisch.«
»Klar. Du nicht?«
Paul zuckt mit den Schultern. »Ihre Ablehnung war offensichtlich.«
»Ist doch wohl normal, oder?« Jacob legt ihm kurz die Hand auf die Schulter, wendet sich aber gleich wieder ab, um in die Küche zu gehen. »Unsere Idee ist so verrückt, dass man da kaum gleich ‚Hurra‘ schreit.«
Paul folgt dem Freund in die Küche. »Wir hätten noch abwarten sollen«, sagt er.
»Nein, hätten wir nicht. War genau der richtige Zeitpunkt, damit rauszurücken.«
Paul guckt skeptisch.
»Sie wird wiederkommen«, ist Jacob überzeugt.
»Was macht dich so sicher?«
Der Freund grinst. »Sie trägt meine Boxershorts.«
Darüber muss auch Paul lachen. Doch er wird schnell wieder ernst.
»Sie wird sich aus deinen Boxern genauso wenig machen wie wir früher aus fremden Höschen. Vielleicht landet sie als Trophäe über ihrem Bett. Aber dass sie sie zurück gibt …«
»Warten wir’s ab. Ich bin mir da ziemlich sicher.«
Jacob füllt den Teekessel mit Wasser, stellt ihn auf den Herd und entzündet mit einem Streichholz die Gasflamme.
»Was, wenn sie nicht wiederkommt?«
»Paul …«
Der hebt die Hand. »Warte, warte. Lass uns das einfach mal durchspielen … Was, wenn sie nicht wiederkommt?«
Jacob fährt sich durch seinen Bart. »Dann werden wir wohl warten müssen.«
»Worauf? Ich mach so ein Angebot nicht zweimal. Vergiss es!« Paul schüttelt den Kopf.
»Geht gegen deine Dom-Ehre oder wie?«
»Schon möglich.«
»Ich finde, wir sollten ihr eine angemessene Zeit zum Nachdenken einräumen.«
»Wir machen uns zum Löffel, wenn wir darauf warten, dass sie uns erhört.«
»Also, was jetzt – willst du sie oder willst du sie nicht?«
»Nicht um jeden Preis.«
Jacob mustert ihn. »Ich finde, es spricht für sie, dass sie nicht gleich eingeschlagen hat. Ich hab nämlich keine Lust auf eine Frau, die erst groß tönt, wie toll das doch alles ist, und zwei Monate später, wenn man sich langsam auf die Situation eingestellt hat, merkt, dass das eigentlich überhaupt nicht ihr Ding ist. Dann soll sie sich lieber zwei Monate Zeit nehmen, gründlich nachzudenken.«
»Zwei Monate?« Paul zieht entsetzt die Brauen hoch. »Dein Ernst?«
»Jetzt sei kein Krümelkacker. Vielleicht nicht zwei. Aber auf jeden Fall braucht sie Zeit. Wir werden sehen, wie viel.«
Paul steht auf, geht rüber zum Küchenschrank und greift nach dem Stapel Fachzeitschriften.
»Vielleicht ist das Ganze sowieso eine Scheißidee.«
»Ah, jetzt machen wir also doch noch einen Rückzieher?«
Er zuckt mit den Schultern. »Vielleicht hast du recht und sie steht wirklich nur auf dich. Vielleicht bin ich ihr zu grob, zu direkt … weiß der Geier!«
»Mann, das war doch nicht ernst gemeint, was ich heute früh gesagt habe. War nur ein Beispiel, verdammt.«
»Beispiel hin oder her, wir sollten die Möglichkeit in Betracht ziehen. Gibt einfach viele Frauen, die neugierig auf SM sind. Aber wenn’s ernst wird, nichts mehr davon wissen wollen.«
»So wie mit Clara wird es mit Louisa nicht – so viel ist dir hoffentlich klar.«
Paul guckt von seinen Zeitschriften auf. »Wie kommst du jetzt auf Clara?«
»Weil ich das Gefühl habe, dass du ständig Vergleiche ziehst.«
Paul schnauft und beginnt, in einem der Hefte zu blättern. »Ich ziehe keine Vergleiche«, sagt er wie nebenbei. »Jedenfalls nicht so, wie du denkst. Clara ist ein Mysterium, Louisa ein offenes Buch. An der Stelle ähneln sich die beiden nun wirklich nicht.«
»Wenn Louisa für dich ein offenes Buch ist, warum erkennst du dann ihre Neugier nicht?«
Wieder zuckt Paul mit den Schultern.
»Doch«, sagt Jacob. »Sie hat definitiv Lust, was auszuprobieren. Aber sie wagt nicht, es zuzugeben. Sie hat Angst vor einer Entscheidung.« Er verschränkt die Arme vor der Brust. »Und sie traut uns wohl nicht so richtig über den Weg. Unser Wissen über ihre Gepflogenheiten verunsichert sie. Sie glaubt allen Ernstes, wir hätten sie gestalkt.«
»Haben wir ja eigentlich auch.«
»Quatsch! Das ist doch kein Stalken. Wir haben Informationen eingeholt. Dass Anna so ein Plappermaul sein würde, wenn sie erst mal begonnen hat zu reden, konnte keiner ahnen.«
Pauls Mund verzieht sich zu einem wissenden Grinsen. »Die steht auf dich.«
»Wer? Anna?« Jacob lacht. »Aber ich will nichts von ihr.« Dann stützt er beide Ellenbogen auf den Tisch und beugt sich rüber zu Paul. »Sie fragt übrigens immer nach dir. Ich würde sagen, sie steht auf dich. Nicht auf mich.«
»Anna«, prustet Paul. »Flirten kann sie. Aber die hat mehr Schiss als Vaterlandsliebe. Wenn ich der den Arsch versohle, brüllt die das ganze Haus zusammen.« Er schüttelt den Kopf. »Nee, lass mal. Anna fällt aus.« …

Schneemänner-Talk, das 7. Gespräch

»Krass, oder?«
»Der Stromausfall?«
»Na, der war ja zu erwarten. Aber das meine ich nicht.« Paul schüttelt den Kopf. Seine Miene wirkt angespannt. »Das mit diesem Koks-Typen, von dem Louisa heute Nacht erzählt hat.«
Jacob schaut von seiner Arbeit hoch und wirft dem Freund einen nachdenklichen Blick zu.
»Meinst du, sie haben noch Kontakt?«
»Dann hätte sie uns angelogen.«
Er nickt und starrt wieder dieses vermaledeite Notstromaggregat an. Das Ding steht seit Urzeiten herum. Jedes Mal, wenn sie es brauchen, dauert es eine Ewigkeit, es in Gang zu setzen. Und jedes Mal saut er sich die Hände bis zu den Ellenbogen ein. Mist, verdammter.
»Wie man darauf kommt, so was zu Weihnachten zu schenken, ist mir ein Rätsel.« Paul hält ihm einen größeren Schraubendreher hin. »Der muss doch nicht mehr ganz dicht sein.«
»Tja, wie auch?« Jacob grinst. »Das Zeug hat ihm ja schon die Schleimhäute verätzt. Er ist nicht mehr dicht.«
Sie lachen.
»Dass sie nichts gemerkt hat …«
»Wie soll sie das merken? Sie ist kein Arzt.«
»Aber diese nasale Stimme fällt doch sofort auf …«
»Und dann würdest du automatisch darauf schließen, dass der Mann kokst?« Jacob wirft ihm einen skeptischen Blick zu. »Okay, du vielleicht. Und ich auch. Aber wenn man sich mit so was nicht auskennt …«
»Glaubst du ihr?«, will Paul wissen.
Jacob nickt. »Klar. Was sollte sie uns verheimlichen?«
»Dass sie es doch ausprobiert hat …?«
»Nee.« Jacob schüttelt den Kopf. »Das traut sie sich schon wegen ihrer Allergie nicht.«
»Und wenn doch?«
Jacob ist sich sicher, dass Louisa nichts dergleichen täte. Er hat ihre Panik gesehen, als ihr schon nach einem Schluck Bier die Röte ins Gesicht stieg und die Haut zu jucken begann.
Doch Paul lässt nicht locker. »Ich würde auch nicht jedem meine Jugendsünden auf die Nase binden.«
»Ach nee?«
»Bestimmt nicht.«
Wieder trifft ihn ein seltsamer Blick. Jacob richtet sich auf. »Na los, erzähl mal. Welche deiner Sünden kenne ich noch nicht?«
Paul beginnt zu lachen, schüttelt den Kopf und weist auf das Notstromaggregat, das noch immer nicht läuft.
»Wir haben Wichtigeres zu tun.«
Jacob wischt noch immer mit dem alten Lappen an seinen Fingern herum. »Was meinst du, wie lange es dauert?«
»… Keine Ahnung. Der letzte Stromausfall ist ewig her.«
»Hmhm, ich weiß.« Er setzt ein nachdenkliches Gesicht auf. »Aber bei den Schneemassen draußen sehe ich schwarz. Wir sollten uns auf mehr als ein paar Stunden einstellen.«
Paul deutet wieder auf das Aggregat. »Wenn das erst mal läuft, kein Problem. Der Ofen ist schnell angeheizt. Wäre nicht das erste Mal, dass wir uns ohne Strom behelfen müssen.«
»Nur, dass wir diesmal nicht allein sind.«
»Na wunderbar. Louisa kann nicht ins Hotel zurück. Wir haben also alle Zeit der Welt, uns mit ihr zu beschäftigen.«
»Und klarzumachen, was wir eigentlich von ihr wollen.«
»Das auch.«
»Lass uns die Gelegenheit nutzen.«
»Du meinst, weil sie nicht weg kann?«
»Möglich, dass das ein Vorteil ist. Aber ich meine, nutzen für ein vernünftiges Gespräch.«
»Wenn sich die Gelegenheit ergibt …«
»Paul!« Jacob ist selbst irritiert, wie laut er plötzlich spricht, und dämpft seine Stimme. »Lass uns Klartext reden. Je eher, desto besser. Ich will mich nicht in etwas hineinsteigern, dass keine Zukunft hat. Und sie soll das auch nicht tun.«
»Spielverderber!« Kopfschüttelnd fängt Paul an, in einer Ecke der Kammer herumzukramen.
Jacob wirft den Lappen auf das Aggregat. »Jetzt mal im Ernst – als Idee ist die Sache ja ganz witzig. Aber wie soll das real aussehen?«
»Oh Mann, haben wir doch ausgiebig besprochen.«
»Ach ja? Und sind wir uns wirklich darüber bewusst, was das mit unserer Freundschaft macht?«
Paul wendet ihm den Kopf zu. »Was heißt das jetzt?«
»Keine Ahnung. Sich eine Frau für einen Abend zu teilen, ist nicht dasselbe wie für ein ganzes Leben.«
»Schon klar.«
»Stell dir vor, einer von uns wird eifersüchtig?«
»Warum sollte er? Wir waren nie eifersüchtig aufeinander.«
Jacob legt den Kopf schief. »Hast du mal daran gedacht, dass sie sich vielleicht nur in einen von uns verliebt und den anderen als nötiges Anhängsel betrachtet?«
»Erst mal muss sie sich überhaupt verlieben.«
»Jetzt bleib doch mal ernst! Stell dir vor, sie will nur mich. Nehmen wir an, weil sie nicht auf BDSM steht.«
»Blödsinn! Sie schreibt darüber.«
»Stell es dir vor, Mann!«
Paul verschränkt die Arme vor der Brust. »Das ist wieder typisch. Warum sollte sie sich für dich entscheiden? Weil ihr dein Bart besser gefällt?« Sein Mund verzieht sich zu einem süffisanten Lächeln, während er sich über das eigene Kinn reibt.
Als Bart kann man das nun wirklich nicht bezeichnen, findet Jacob. Höchstens als Schatten.
»Ob mit oder ohne Bart, ist doch völlig wurscht, verdammt noch mal!«, sagt er. Dann will er weitersprechen, aber von draußen vernimmt er plötzlich ein Geräusch. Er macht eine Kopfbewegung Richtung Tür und legt sich den Finger über die Lippen. »Sie ist wach.« …

Schneemänner-Talk, das 6. Gespräch

»Schläft sie?«, will Paul wissen.
Jacob nickt. »Tief und fest.« Er geht hinüber zum Geschirrspüler und beginnt, ihn auszuräumen. »Ihr Hintern ist feuerrot.«
Paul schnalzt mit der Zunge. »Hast du etwa einen Blick unter die Decke riskiert?«
»Natürlich hab ich«, grummelt Jacob. »Muss mich doch überzeugen, dass alles in Ordnung ist.«
Bei diesen Worten schielt er rüber zum Esstisch. Doch Paul hat sämtliche Utensilien ihrer kleinen Session längst verschwinden lassen. So ein Idiot. Das wird sie ihnen bestimmt übelnehmen. Er greift nach den Tellern im unteren Geschirrkorb und stellt sie geräuschvoll klappernd in den Schrank.
»Ist was?«, fragt Paul, während er in einer Zeitschrift blättert.
Wie nicht anders zu erwarten, hat er sich sogar für die Feiertage mit Fachlektüre eingedeckt. Herrgott noch mal, kann er seinen Job nicht mal einen einzigen Tag ausblenden?
Jacob räumt wortlos weiter. Dann plötzlich richtet er sich auf. »So schnell mach ich bei so was nicht noch mal mit.«
»Was meinst du?«
»Na, das Spanking.«
Paul hebt den Blick. »Ernsthaft jetzt? Ist doch nix passiert.«
»Für Nix glüht ihr Arsch aber ordentlich.«
Paul lässt die Zeitschrift auf die Knie sinken. »Jetzt bleibt cool, Alter. Ich wollte wenigstens wissen, wie sie darauf reagiert.«
»Weil?«
»Kannst du dir doch wohl vorstellen, oder? Ich wüsste nun mal gern, ob sie wenigstens ansatzweise ein Faible für …«
»… deinen Sadismus hat?«, unterbricht Jacob. Dann schnaubt er verächtlich durch die Nase. »Und? Zufrieden?«
»Fürs Erste ja.«
»Fürs Erste? Lass es doch mal ruhig angehen, verdammt!«
Paul legt sein Fachblatt zur Seite, streckt die Beine weit von sich und schiebt die Hände in die Taschen.
»Ich versteh dich nicht, Jack. Bist doch sonst nicht so’n Mimöschen. Was ist mit dir los?«
Eigentlich gar nichts. Es ist nur … »Hier geht’s nicht um einen flotten Dreier.«
»Sondern?«, fährt Paul ihm in die Parade.
Irritiert hebt er den Korb mit dem Besteck heraus und stellt ihn auf die Arbeitsplatte. »Ich dachte, das soll mehr werden.« Er beginnt, die Messer zu sortieren.
»Klar soll es das. Trotzdem spricht ja wohl nichts dagegen, unsere Auserwählte auf Herz und Nieren zu prüfen. Sie muss für dich und für mich passen. Und ich hab nun mal spezielle Vorlieben.«
»Die seien dir auch gewährt, aber erstens haben wir uns geeinigt, dass du keine Spuren hinterlässt. Und zweitens, dass du auf die harte Gangart verzichtest.«
Paul grinst. »Wie jetzt? Hab ich etwa heute schon gegen beide Kriterien verstoßen?«
»Nein, aber …«
»Jack, mach dich nicht lächerlich.«
Jacob greift nach dem kleinen Schwamm auf dem Waschbeckenrand und schleudert ihn in Pauls Richtung. Der duckt sich weg.
»Hey, mein Freund. Was hast du für’n Problem? Na los, raus mit der Sprache.«
Scheiße, ja. Er hat tatsächlich eins. »Und wenn ihr das nun zu viel wird? Dass wir gleich am Anfang aufs Ganze gehen?«
»Wäre sie dann so feucht gewesen?«
Gedankenverloren zieht er die Teelöffel aus dem Korb. Vermutlich nicht. Das hat ihm auch zu denken gegeben. Wirkte ja fast, als wenn sie nur drauf gewartet hätte, mal so richtig versohlt zu werden.
»Ich schätze, uns fehlen wesentliche Informationen«, meint Paul. »Dass sie über BDSM schreibt, sagt nichts darüber aus, welche Erfahrungen sie selbst hat.«
Hoffentlich nicht allzu viele, denkt Jacob ernüchtert. Dann würde sie womöglich seine Art Erotik weniger antörnen als die von Paul. Mit einem Sadisten kann er nun mal nicht mithalten.
Er lässt die Klappe des Geschirrspülers zufallen. »Ich will, dass du sie vorerst in Ruhe lässt damit.« Sein Blick geht rüber zu Paul. Entschlossen.
»Sonst?«
»Nichts sonst«, erwidert er. »Ich geh einfach davon aus, dass du meine Wünsche ebenso respektierst wie ich deine.«
Paul zuckt mit den Schultern. »Heut ist Silvester – hast also einen Wunsch frei.« Sein Grinsen wird süffisant. »Aber wenn sie von sich aus …«
»Wird sie nicht«, unterbricht Jacob den Freund. Dann verschränkt er kampfeslustig beide Arme vor der Brust und starrt Paul an, als würde er sich jeden Moment auf ihn stürzen …

 

Das 1. Gespräch

Das 2. Gespräch

Das 3. Gespräch

Das 4. Gespräch

Das 5. Gespräch

 

Schneemänner-Talk, das 5. Gespräch

»Guck dir das an. Der Wagen ist fast eingeschneit.« Paul stapft quer über den Hof durch den frisch gefallenen Schnee und deutet zu seinem Geländewagen rüber.
Seit seiner Ankunft sind vielleicht fünf, sechs Stunden vergangen. Aber der Freelander sieht aus, als wäre er seit Tagen nicht bewegt worden.
Jacob bückt sich, formt einen Schneeball und zielt auf den Rücken des Freundes.
»Hey!«, empört sich der, als ihn der Ball trifft. Dann bückt er sich und schießt zurück.
Jacob weicht zur Seite, lacht. »Hättest mehr Zielwasser trinken sollen!« Er feuert den nächsten ab und trifft Paul erneut. Diesmal an der Schulter. Aber so geschickt, dass Paul das nasse Zeug ins Gesicht kriegt.
»Na warte!«, stößt der so laut aus, dass es garantiert bis zu den Nachbarn zu hören ist.
In den nächsten Minuten liefern sie sich eine ausgelassene Schneeballschlacht, bis sie beide in einer Rangelei zu Boden gehen und sich wie die Kinder gegenseitig den Schnee ins Gesicht reiben.
»Das müsste Louisa sehen«, meint Jacob.
»Lieber nicht«, gibt Paul zurück. »Das untergräbt unsere Autorität.«
Jacob zerrt am Jackenkragen des Freundes und schiebt ihm eine Ladung Schnee ins Genick. »Ick wull die wat. Von wegen Autorität«, fällt er in den norddeutschen Slang, mit dem Ole, der Dorfarzt, gelegentlich für Lacher sorgt.
Wieder wälzen sie sich am Boden, bis Paul den Freund entschieden auf Abstand hält.
»Gut jetzt. Wir sollten sehen, dass wir noch ne Runde Schlaf kriegen.«
Er hilft Jacob hoch, sie klopfen sich gegenseitig den Schnee ab und laufen in Richtung Haus.

Drinnen ist es mollig warm. Die beiden Männer schlüpfen aus ihren durchnässten Klamotten. Und während Paul das nasse Zeug rüber in den Heizungsraum trägt, wo es am schnellsten trocknet, nimmt Jacob zwei Bier aus dem Kühlschrank und hockt sich mit den beiden Flaschen auf die Ofenbank, den Rücken fest an die noch warmen Kacheln gepresst. Bevor er rüber ins Hotel ging, um Louisa beim Abendessen Gesellschaft zu leisten, hat er Holz nachgelegt. Um diese Zeit allerdings, es ist weit nach Mitternacht, ist das Feuer natürlich runtergebrannt. Trotzdem spendet der alte Kachelofen noch genügend Wärme. Gut, dass sie den damals beim Sanieren nicht kurzerhand rausgeworfen haben. Denn im Grunde hätte die moderne Heizung für das kleine Reetdachhaus mit seinen wenigen Räumen genügt. Aber Paul ist Nostalgiker. Und Jacob mag die urige Atmosphäre, die das grüne Monstrum in der Küche verbreitet, ebenfalls.
»Meinst du, wir haben sie überfordert?« Paul betritt die Küche, schaut sich kurz um und setzt sich dann neben ihn an den Ofen. »Wirkte, als wär ziemlich viel neu für sie gewesen.«
»Hmhm«, macht Jacob, nimmt einen langen Zug, und schaut dabei versonnen in die Dämmerung des Raums. »Zumindest hatte sie wohl noch keinen Dreier.«
»Und Analverkehr auch nicht.«
»Fürs erste Mal hat sie sich ganz gut angestellt.«
»Na ja, mit entsprechender Vorbereitung …«, murmelt Paul zustimmend.
Jacob hebt die Hand zum High Five und Paul schlägt ein.
»Ich bin trotzdem skeptisch, ob das so eine gute Idee war«, hört er Paul sagen. »Kenn ich aus meinen Sessions. Erst sind sich die Mädels ganz sicher, was sie alles wollen. Und kaum geht es bisschen heftiger zur Sache, spürst du, wie sie sich verkrampfen.«
»Also kopflastig ist sie schon.«
»Stimmt. Trotzdem sehe ich Potential.«
»Für uns allgemein oder für dich?«
»Für uns beide«, meint Paul. »Sie hat nicht rumgezickt. Sie hat ohne den geringsten Widerstand zugelassen, dass wir sie zu zweit vögeln. Und irgendwann konnte sie sogar abschalten. Das sind aus meiner Sicht genügend Gründe, warum wir es mit ihr versuchen sollten.«
Auf Jacobs Gesicht schleicht sich ein zufriedenes Grinsen. »Dann hab ich sie also gut ausgewählt.«
»Hast du, Kumpel. Hast du.«
Jacob nickt vor sich hin und nimmt einen langen Schluck aus seiner Bierflasche. »Wie geht’s weiter?«
»Wir klopfen sie weich. Mit Phase zwei unseres Verwöhnprogramms.« Paul prostet ihm zu und trinkt ebenfalls. »Du servierst ihr das Frühstück, ich kümmere mich derweil um die Pizza.«
»Bleibt’s dabei, dass wir sie hierher locken?«
»Na klar.«
»Und wenn sie nicht mitspielt?«
Paul verdreht die Augen. »Sie wird. Wir müssen nur dafür sorgen, dass ihre Klamotten ordentlich nass werden.«
»Mit’m Bad in der Ostsee ist gerade schlecht«, wirft Jacob belustigt ein.
Paul legt ihm mit derselben Belustigung die Hand auf die Schulter. »Das ist sowieso nur was für harte Kerle.« Seine Brauen heben sich. »Schnee tut’s auch. Wir seifen sie mal so richtig ein.«
»Wie das böse Jungs mit süßen Mädels in der Schule tun?« In Jacobs Brust gluckst es.
»Genau so, Alter«, sagt Paul und reibt sich den Rücken wohlig an den Ofenkacheln. »Genau so. Übrigens …« Er deutet mit dem Kopf zum Küchenfenster. »Du musst noch deinen Obolus entrichten. Nicht vergessen.«
»Ja, ja.« Jacob steht auf, zückt seine Geldbörse und fischt ein paar Münzen heraus, die er mit lautem Klimpern in das blau-weiß gemusterte Sparschwein fallen lässt. »Morgen bist du dran«, verlangt er dann.
Paul grinst. »Wir werden sehen.«
Einen Moment lang hängt jeder von ihnen seinen Gedanken nach.
»Denkst du, sie wird mehr als eine nette Affäre?«, fragt Jacob schließlich.
Paul wiegt den Kopf. »Weiß nicht, ob ich mich da jetzt schon festlegen will.«
»Was spräche denn für eine Affäre?«
»Definitiv der Dreier. Steht auf der Liste weiblicher Fantasien zwar ganz oben, aber ich schätze, vielen ist es hinterher peinlich. Aus Scham brechen sie den Kontakt ab. Denn sind wir mal ehrlich: Kannst du das jemals wieder vergessen, wenn du dich für einen der beiden entscheidest? Außerdem – wer sagt dir, dass der Gewinner dir nicht später aus lauter Eifersucht Szenen macht? Dann ist’s doch besser, du siehst keinen von ihnen wieder, hakst das Ganze als Fantasie auf deiner Liste ab und suchst dir jemanden, dem du niemals davon berichten musst.«
»Scheiße!« Jacob reibt sich das stopplige Kinn so heftig, dass es raschelt. »Dann haben wir die Sache wohl völlig falsch aufgezogen.«
»Jetzt warte doch mal ab. Jede Frau ist anders.«
»Immerhin hat sie ja diesen Roman geschrieben – abwegig scheint ihr der Gedanke, zwei Männern zu haben, nicht zu sein.«
»Wie gesagt, ganz oben auf der Liste.«
»Und was spricht dann gegen eine Affäre und für mehr?«
Paul zuckt mit den Schultern. »Neugier?« Sein Grinsen wird breiter. »Oder wir zwei Hübschen. Come on, Jack – zumindest kann sie sich mit uns sehen lassen.«
Er bricht in lautes Lachen aus und Jacob stimmt ein.
»Die Chancen stehen also fifty fifty«, meint Jacob schließlich.
»Ich würde eher sagen dreißig siebzig.«
»Für uns?«
»Dagegen.«
»Du bist doch sonst nicht so negativ.«
»Nur skeptisch, mein Freund. Nur skeptisch.« Paul leert seine Bierflasche und stellt sie auf den Boden. »Wir sollten mit unserem Vorschlag nicht zu schnell herausrücken.«
»Heißt was?«
»Wir müssen uns erst sicher sein.« Pauls Blick ist ernst geworden. »Beide. Ich hab keinen Bock, mich zum Affen zu machen.«
»Klar, Mann. Aber du kennst mich. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Für mich ist es keine Option, mit einer Lüge zu starten.«
»Wir lügen nicht, wir lassen nur was weg.«
Jacob nickt zustimmend. »Kann man machen. Aber nicht ewig. Bevor wir wieder nach Berlin fahren, will ich, dass wir Klartext mit ihr reden.«
»Dann haben wir nicht viel Zeit.« Paul schaut zur Uhr. »Heute ist Silvester.«
»Also geben wir Gas.« Jacob springt auf. »Ich hau mich noch ne Stunde aufs Ohr. Gegen neun muss ich los, Frühstück servieren.« Er grinst und tätschelt dem Freund die Schulter. »Während du dich an den Herd stellst, Schatz.«
Paul schlägt seine Hand weg und versetzt ihm einen angedeuteten Hieb in die Magengrube.
»Wenn das mal gut geht«, sagt er dann wie zu sich selbst.

Und wer die bisherigen Männergespräche verpasst hat, hier noch einmal die Links zu den geheimen Talks.

Das 1. Gespräch

Das 2. Gespräch

Das 3. Gespräch

Das 4. Gespräch

 

Schneemänner-Talk, das 4. Gespräch

Paul starrt unwillig auf das Display seines Smartphones und schiebt es zurück in die Tasche. Scheiße Mann, kann Jacob ihm nicht mal einen ruhigen Feierabend gönnen? Ja, er hat ihnen die gemeinsame Reise vermasselt. Und ja, er sollte lieber die Füße stillhalten, damit wenigstens der Silvesterabend nicht auch noch ins Wasser fällt, weil sie sich gegenseitig angiften. Wobei? Haben sie das jemals getan? Vielleicht sind sie manchmal ein bisschen impulsiv. Aber so richtig Streit hat es zwischen ihnen lange nicht mehr gegeben. Wahrscheinlich kennen sie sich viel zu gut. Und noch wahrscheinlicher sind sie beide viel zu empathisch, als dass sie dem anderen so ans Bein pinkeln würden.

Er schlägt den Jackenkragen hoch, als er aus der Tür des Hauses tritt, in dem sich seine Praxis befindet, und lässt den Blick suchend über die parkenden Wagen schweifen. Kommt vor, dass er vergisst, wo er seinen abgestellt hat. Scheißwetter aber auch. Wenn alles zugeschneit ist, kann man erst recht nichts mehr erkennen.

Als er endlich im Freelander hockt, wählt er Jacobs Nummer und schaltet die Freisprechanlage ein. Dann setzt er vorsichtig zurück, um den schweren Wagen aus der Parklücke zu rangieren.
»Sie ist da!«, tönt Jacobs Stimme ohne Einleitung aus den Lautsprechern. »Beweg deinen Arsch. Es geht los.«
»Du mich auch«, gibt Paul brummig zurück. »Wie wär’s mit einem freundlichen ‚Guten Abend‘?«
»Was ist los? Bist doch sonst nicht so steif.«
»Heut schon.«
»Stress?«
»Kann man so sagen.«
Seit Tagen muss er den Patientenandrang, der bei dem Wetter kein Ende mehr zu nehmen scheint, allein bewältigen. Sein Praxispartner Johannes liegt mit einer heftigen Grippe im Bett. Und genau deshalb ist auch die geplante Lappland-Reise geplatzt. Jack war ziemlich sauer deswegen, aber er kann es nicht ändern. Bier ist Bier und Job ist Job. Bleibt nur zu hoffen, dass er wenigstens morgen rechtzeitig loskommt. Obwohl das Wetter ja gerade verrückt spielt. Es soll noch mehr Schnee geben.
»Wie ist die Lage bei euch?«, fragt er, während er die Scheibenwischer in Gang setzt.
»Es schneit. Wieso?«
»Hier auch. Schon den ganzen Tag.«
»Du willst doch nicht etwa einen Rückzieher machen? Nicht an Silvester!!!«
»Natürlich nicht. Du würdest mich ja lynchen.«
»Mann, ich steh hier unmittelbar vorm Abschuss. Du musst kommen.«
Jacobs Worte erinnern ihn wieder daran, warum sie überhaupt telefonieren.
»Hast du sie gesehen oder stammt deine Info wieder mal von Anna?«
»Ich hab sie nicht nur gesehen, sondern sogar gesprochen.«
Das allerdings sind Neuigkeiten. »Und?«
»Sie war im Pool.«
»Im Pool?«
»Und sie hat eine Figur …« Jacob gibt ein Geräusch von sich, das man, selbst objektiv betrachtet, nur als lüstern bezeichnen kann. »Sehr lecker«, sagt er schließlich.
»Große oder kleine Brüste?«
»Mittel. Genau richtig, würd ich sagen.«
»Und der Arsch?«
»Perfekt.«
Perfekt für dich oder perfekt für mich?, fragt sich Paul amüsiert, sagt aber nichts. Jacks Unmut ist das Letzte, was er provozieren will.
»Bleibt sie über Silvester?«
»Sie ist heute erst angekommen. Wird wohl so sein.«
»Allein?«
»Hmhm.«
»Sagt Anna?«
»Genau.«
»Warum fährt man Silvester allein in ein Hotel?«
»Das macht sie doch oft, allein hierher kommen.«
»Aber Silvester …«, wendet Paul ein. Seltsam.
Jacob am anderen Ende lacht. »Das werden wir doch zu nutzen wissen, oder?« Er hält kurz inne und fragt dann: »Wann kommst du?«
»Wie besprochen. Morgen Abend.«
»Ist noch viel?«
»Kann ich schlecht einschätzen. Ein paar Kontrollen. Nichts Geplantes. Aber es ist arschglatt hier und die Leute landen reihenweise auf dem Arsch.« Er setzt den Blinker und biegt in eine Nebenstraße ab. »Scheiße«, flucht er, weil er plötzlich höllisch aufpassen muss, hier nicht irgendwo an einem geparkten Auto den Seitenspiegel abzureißen, wenn ihm jemand entgegenkommt.
»Sieh zu, dass es nicht so spät wird«, meint Jacob. »Ich hab die Befürchtung, wir schneien hier oben ein.«
»Na, dann komm ich wohl besser gar nicht.«
»Untersteh dich«, schallt es aus dem Lautsprecher. »Wenn du uns das versaust …«
»Wieso? Kommst du eben als Erster zum Zuge. Freischuss sozusagen.«
Paul biegt in die nächste Querstraße ein und hält vor der Tiefgarage, in der er einen Platz für seinen Geländewagen gemietet hat. Parkplätze für so überdimensionierte Geschosse wie seines sind auf der Straße rar.
»Hast du einen konkreten Plan?«, will er wissen.
»Ich werde mich beim Abendessen an ihren Tisch setzen.«
»Und dann?«
»Small Talk. Mal sehen.«
»Nur das? Wenn sie wie du auf One Night Stands steht, sollten wir ein bisschen weiter denken.« Er überlegt. »Mit ihr ins Haus zu fahren, ist keine Option. Dann kommt sie zu schnell wieder ins Denken.« Komisch, er geht also schon davon aus, dass sie sie im Handumdrehen in eine lustvolle Stimmung versetzen? Klar, warum nicht? Sie schreibt erotische Romane. Ihr Kopfkino wird schnell anlaufen. »Was ist mit dem Spa-Bereich?«
»Was soll damit sein?«
»Der steht abends leer, richtig?«
Jacob schweigt einen Moment. »Du willst mit ihr in den Spa?« Seine Stimme klingt skeptisch.
»Warum nicht? Wir könnten sie zur Einstimmung ein bisschen massieren. Das mag jede Frau.«
»Schon, aber …«
»Da unten gibt es Liegen, Kerzen, jede Menge Öle und eine gigantisch große Dusche«, fährt Paul fort und sieht vor seinem geistigen Auge bereits, wie er und Jack … »Besorg uns den Schlüssel«, unterbricht er sich selbst. Sie haben lange genug gequatscht. Sonst kommt er heute Abend gar nicht mehr in die Wohnung. »Um den Rest kümmere ich mich.«

Wenn er Sessions planen kann, dann wohl auch die lehrbuchmäßige Verführung einer Frau, die in ihren Romanen über SM schreibt, aber von Tuten und Blasen keine Ahnung hat. Sie werden ihr schon zeigen, was echte Hingabe ist …

Die Kenner des Romans „Die Schneemänner“ haben es sicher gemerkt – mit diesem 4. Gespräch befinden wir uns nun endlich im Parallelflug zum eigentlichen Roman. Jacob und Louisa haben sich gerade offiziell kennengelernt. Die Verführung der Liebesromanautorin steht unmittelbar bevor ;-) Im nächsten Gespräch unterhalten sich die Männer über das, was in der Private Suite geschieht …

PS: Die technischen Probleme mit dem Newsletter-Versand sind leider immer noch nicht behoben :-(

Schneemänner-Talk, das 3. Gespräch

»Wenn sie das jemals rausfindet, denkt sie, ich hätte sie gestalkt.« Jacob streicht sich über den dunklen Bart und verdreht die Augen. »Ich hoffe, Anna plaudert meine Schandtat nicht irgendwann aus.«

Pauls dröhnendes Lachen wird von der lauten Musik im Club übertönt. Heute Abend ist es schwierig, ein vernünftiges Wort miteinander zu wechseln. Der Laden ist rappelvoll und vibriert unter den Rhythmen der Liveband.

»Wenn Anna quatscht, kann sie sich frisch machen«, sagt Paul. In seinen Augen blitzt es vergnügt.
»Du denkst echt nur an das Eine.« Jacob zieht eine Grimasse.
Paul nimmt vom Barkeeper die beiden Biergläser entgegen und reicht eines an Jacob weiter. »Was hast du denn nun herausgefunden?«
»Haarfarbe, Augenfarbe, Essgewohnheiten. Dass sie die Putzfrauen nur alle zwei Tage in ihr Zimmer lässt …«
»Vielleicht macht sie ihr Bett selbst?«
»Oder sie ist das Chaos in Person.« Jacob grinst.
»Na, wenigstens scheint ihr das vor anderen peinlich zu sein.«
»Vielleicht. Vielleicht auch nicht.« Jacob nippt an seinem Bier. »Möglich, dass sie eher Geheimnisse hat. Vielleicht gibt sie nur vor zu schreiben …«
»Blödsinn. Warum sollte sie Anna dann erzählen, sie sei Autorin?«
»Um eine falsche Spur zu legen?«
Doch Paul winkt ab. »Du liest zu viele Krimis.«
»Ich kann aber auch mit einem echten Geheimnis aufwarten.«
»Ach ja?« Paul grinst. »Was sollte das wohl sein?«
»Ihr Name vielleicht?«
»Sie heißt Louisa. Das hast du mir längst verraten.«
»Ja, mit Klarnamen.« Jacob guckt geheimnisvoll. »Ihre Bücher schreibt sie unter Pseudonym.«
»Und das weißt du von wem?«
»Von Anna.«
Paul grinst. »Ach herrje. Ob die Gäste wissen, was für ein loses Mundwerk die gute Anna hat? Sie soll sich bloß nicht erwischen lassen.«
»So lose ist es nun auch wieder nicht. Ich musste sie schon ein bisschen überreden.«
»Überreden? Wie sah das denn aus? Hast du ihr eine heiße Nacht in der Penthousesuite versprochen?«
Jacob starrt ihn an und schüttelt entgeistert den Kopf. »Ich dachte, wir wären uns einig, dass Anna keine Frau für dieses Projekt ist. Schon deshalb nicht, weil sie illoyal ist.«
»Sagt ja niemand. Aber dürfen wir jetzt auch keine mehr flachlegen?« Paul klopft dem Freund versöhnlich auf die Schulter. »Also, meinen Segen hast. Jederzeit.«
»Ich brauch deinen Segen nicht, verdammt.«
»Na, das ist mein Jack. Nimmt sich, was er will. Und das, ohne zu fragen.«
»Worauf du wetten kannst.«
»Okay, okay. Jetzt aber weiter im Text. Wir waren bei Namen.«
»Namen?« Jacob guckt irritiert.
»Na, ihr Pseudonym. Du meintest doch, Anna hätte es dir verraten.«
»Sarah Tears.«
Paul mustert ihn aufmerksam. »Tears wie Tränen?«
Jacob nickt.
»Was könnte das bedeuten? Warum nennt man sich Tears?«
»Keine Ahnung. Weil es sich gut anhört?«
»Und warum englisch?«
»Na, Sarah Tränen klingt ja wohl irgendwie bescheuert.«
»Darum geht’s doch gar nicht. Aber dass sich diese Autoren englische Nicks geben … Woher kommt das? Warum bleiben sie nicht bei ihrem Klarnamen? Oder suchen sich wenigstens was aus, das nicht automatisch eine Verbindung in den angloamerikanischen Raum impliziert?«

Jacob weiß, warum Paul das fragt. Neben Fachliteratur interessiert er sich, anders als Paul, auch für Schöngeistiges. Es gibt tatsächlich Romane, die ihn fesseln können. Die von Sarah Tears allerdings würde er natürlich unter ganz anderen Gesichtspunkten lesen.

»Was weiß denn ich«, gibt er jetzt zurück. »Unsere Louisa jedenfalls schreibt Liebesromane.« Er senkt den Kopf und hebt die Brauen leicht an. »Und wenn ich Klappentexte und Rezensionen richtig interpretiere, geht’s darin ordentlich zur Sache.«
»Heißt was?«
Er legt den Kopf schief. »Erotik … BDSM …«
»Och neeeee.« Paul lehnt sich zurück und rauft sich das Haar. »Nicht dein Ernst!«
»Wieso?«
»Noch so eine Tussi, die auf diesen 50-Shades-Zug aufspringt.«
»Du hast doch noch gar nichts von ihr gelesen.«
»Mir reicht, was du erzählst.«
»Du bist voreingenommen. Was, wenn sie auch in deiner Liga spielt?«
»Das glaubst du wohl selbst nicht.« Paul lacht. »Dann würdest du sie doch nicht ernsthaft als Frau für uns beide in Betracht ziehen.«

Das ist allerdings wahr, muss sich Jacob eingestehen. Wenn Sarah Tears nicht nur über SM schreibt, sondern erkennbar in der Szene steckt, ist sie raus aus dem Rennen. Auf eine wirkliche Masochistin hat er keinen Bock. Doch aus irgendeinem Grund bezweifelt er, dass das auf sie zutrifft. Warum sollte sie anders sein als andere Frauen, die sich neuerdings für BDSM interessieren? Warum sollte es ausgerechnet bei ihr mehr sein als pure Neugier? Zahlreiche ihrer Kollegen beweisen doch, dass es anders geht. Dass es reicht zu recherchieren. Und offenbar sogar mehr schlecht als recht. Man muss sich heutzutage nicht auspeitschen lassen, um eine Ahnung davon zu bekommen, wie sich das anfühlt. Der Leserin reicht’s doch, wenn ihr Kopfkino angekurbelt wird. Ob die Dinge de facto stimmen, ist ihr sicher vollkommen egal.

Nachdenklich spielt er mit seinem Bierdeckel. »Hast ja recht«, räumt er ein. »Ich glaube nicht daran, dass sie wie du tickt. Aber in ihren Geschichten scheint sie einiges richtig zu machen. Jedenfalls sind ihre Leser begeistert.«
»Klar sind sie das. Die können in der Regel überhaupt nicht einschätzen, ob jemand realistisch über BDSM schreibt oder sich einfach nur was ausdenkt.«
»Jetzt lass doch mal die Kirche im Dorf.« Jacob rollt mit den Augen, obwohl er eben noch dasselbe gedacht hat. Aber er will sich Louisa nicht madig machen lassen. Eine innere Stimme sagt ihm, sie könnte passen. »Mann, hätte ich nur nichts gesagt.«
»Hast du aber.«
»Ist ja gut. Beruhige dich … Es gibt noch was anderes, was für uns viel wichtiger ist.« Dann muss er jetzt also den Joker aus dem Ärmel ziehen.
»Nämlich?« Paul legt skeptisch den Kopf schief.
»Sie hat über einen Dreier geschrieben.«
»Im Bett?«
»Nee. Über eine Frau, die mit zwei Männern lebt.«
»Ach echt?«
Na bitte. Treffer und versenkt.
»Echt. ‚Doppelherz‘ oder so heißt die Story.«
»Hast du sie gelesen?«
»Noch nicht. Aber die Kommentare sind vielversprechend.«
Paul setzt eine Grübelmiene auf. »Und du meinst, sie hat das selbst erlebt?«
»Woher soll ich das wissen. Bei BDSM sprichst du ihr die Erfahrungen ja offenbar ab.«
»Das ist doch ganz was anderes.«
»Finde ich nicht.«
»Würde mich wirklich interessieren«, fährt Paul fort, ohne auf Jacobs Protest einzugehen. »Irgendwas muss sie doch dazu inspiriert haben?«
»Oder sie ist gut im Recherchieren.«
»… oder zieht die Infos aus ihrem Netzwerk«, ergänzt Paul. »… Freunde, die so leben.«
»Genau – und die hat sie darüber ausgefragt.«
»Würdest du einer Autorin freiwillig von deinem Intimleben berichten?« Paul hebt die Brauen. »Ist doch kreuzgefährlich! Ich hätte keine Lust, auf diese Weise in den öffentlichen Fokus zu geraten.«
»Sie wird es doch nicht eins zu eins in den Roman übernehmen.«
»Wärst du dir da sicher?«
»Nein, wär ich nicht. Aber unter vernünftigen Gesichtspunkten …«
»Können Kreative überhaupt vernünftig denken? Haben die nicht immer irgendwelche Flausen im Kopf, die lieber keiner wissen will?«
»Heißt das jetzt, du willst sie nicht?«
»Nein. Das heißt es nicht. Aber ein bisschen komisch ist mir schon bei dem Gedanken, mich auf jemanden einzulassen, der so etwas tun könnte. Mich bloßstellen.«
»Mann, darauf hab ich doch auch keinen Bock. Wir checken sie erst mal gründlich ab.«
»Bevor oder nachdem wir …« Paul grinst vielsagend. »Du weißt schon.«
»Wird sich finden. Keine Ahnung, was Anna noch an Infos liefert. Den Rest müssen wir dann selbst abklären.«
Paul schnauft. »Ich bin sowieso gespannt, wie du das überhaupt anleiern willst.«
»Das Treffen mit ihr?«
»Genau.«
»Ganz einfach. Ich könnte ihr irgendwo im Hotel auflauern und dann ganz zufällig mit ihr ins Gespräch kommen.«
»Dazu müsstest du erst mal wissen, wann sie wieder dort ist.«
»Das wird mir Anna schon verraten.«
»Warum sollte sie?«
»Aus rein freundschaftlichen Gefühlen?«
Paul lacht laut auf. »Und dann? Lässt du hier alles stehen und liegen und eilst zu ihr?«
»So ungefähr.«
»Du spinnst … Aber gut, mach mal. Ich lass mich überraschen.« Er nimmt sein Glas und stößt es klirrend gegen das des Freundes. »Vor allem: Mach schnell. Ich will mich nicht ewig mit einem Phantom begnügen müssen.« …

Das war also das 3. Gespräch der Schneemänner. Weil der Newsletter-Versand technische Probleme bereitet, findet es noch einmal hier im Blog statt. Sobald die Probleme behoben sind – leider bin ich da auf Zuarbeit des Supports angewiesen, schicke ich den Newsletter raus. Vorbereitet ist alles. Bitte habt noch ein wenig Geduld :-) Ich halte euch auf dem Laufenden.

Liebe Grüße, eure Nora

Romanrecherche in Eis und Schnee 2

Während die Sonne um die Mittagszeit diese Winteridylle zaubert, zieht über der Ostsee hinterm Haus eine schwarze Sturmfront auf. Dieses Foto ist echt und kein Fake!

Heute geht’s um Romanrecherchen für »Die Schneemänner«. Konkret um das Schneechaos, in dem sich Jacob, Paul und Louisa kennen lernen. Denn auch das hab ich tatsächlich erlebt.

Zu Recherchen für diese Story bin ich im Januar an die Küste gefahren. Allerdings ohne zu wissen, was wirklich auf mich zukommt. Wer ahnt schon solche Katastrophen voraus und begibt sich freiwillig in Gefahr? Wenn die Reise in den Norden auch im Schnee stattgefunden hat. Aber den bringt der Winter nun mal mit sich. Schnee, Frost, graue Tage und viel Nebel. Alles normal. Hat was Mystisches, bei Eiseskälte im Nebel rumzulaufen ;-)

Am selben Tag etwa eine halbe Stunde zuvor. Shooting bei schönstem Sonnenschein. Das Meer ist beinahe glatt. Die Ruhe vor dem Sturm.

Leser haben oft nachgefragt, wo denn nun eigentlich das Hotel steht, in dem Louisa ihre Schneemänner kennengelernt hat. Ich kann euch verraten: Nicht dort, wo der Sturm tobte. Denn bei allem, was ich an Locations recherchiere, verfremde ich auch. So hat also der Sturm auf dem Darß getobt. Während sich das Hotel mit Pool, in dem Louisa regelmäßig ihre Runden dreht, mehr als einhundertfünfzig Kilometer weiter östlich befindet. Allerdings herrschte zu jener Zeit auch dort der witterungsbedingte Ausnahmezustand.

Aber kehren wir zurück auf’s so genannte Fischland, wo ich gerade noch damit beschäftigt war, ordentlich Lokalkolorit in mich aufzusaugen, als ich beim Einkaufen im Supermarkt bemerkte, dass die Einheimischen offensichtlich Lebensmittel bunkerten. Die Regale waren wie leergefegt, in den Einkaufswagen türmten sich die Waren. Die Stimmung wirkte irgendwie merkwürdig. An der Fleischtheke erfuhr ich schließlich den Grund. Die Wetterfrösche hatten Schneesturm angekündigt – ich meine, wer hört schon Nachrichten, wenn er auf Recherche ist. Ich hatte also von nix ne Ahnung. Aber ich hoffte, das Reetdachhaus, in dem ich Quartier bezogen hatte, wäre sicher. Immerhin stand es, so wie Pauls Haus, direkt hinter den Dünen.

Über die Tage verteilt hatte es immer wieder mal geschneit. Aber in der folgenden Nacht kam es tatsächlich richtig dicke. Der Vermieter, der jeden Morgen damit beschäftigt war, einen Fußweg zwischen Haus und Carport freizuschaufeln, hatte sichtlich Mühe mit dem vielen Neuschnee. Weil aber die Sonne schien, hielt ich es für einen ganz normalen Wintertag und poste bei bester Laune für ein paar Strandfotos. Aber seht ihr hinter mir die dunkle Wand? Auf den Fotos für die Schneemänner-Cover macht sie sich auch gut, oder? Ich finde immer, diese Bilder sehen total unwirklich aus. Die von der Sonne in Szene gesetzte traumhafte Winterwonderworld will so gar nicht zu dem schwarzen Himmel dahinter passen …

Am Tag vor dem Sturm. Ordentlicher Wellengang, aber noch fühlt sich alles nur nach einem kräftigen Wind an der See an. Seht ihr den breiten Strand?

Doch die schwarze Wand löste sich nicht in Wohlgefallen auf, sondern brachte einen Sturm, der sich gewaschen hatte. Nachmittags gegen vierzehn Uhr war es bereits stockdunkel. Ich suchte sämtliche Kerzen in der Ferienwohnung zusammen, weil ich mit einem Stromausfall rechnete. Und ich weiß nicht mehr, wie oft ich später angestrengt in die Dunkelheit starrte. Immer in der Angst, das Wasser könnte höher steigen und über den Deich laufen. Die Windgeräusche jedenfalls waren zum Fürchten und raubten mir den Schlaf.

Am nächsten Tag, einem Sonntag, war das Chaos perfekt. Der Verkehr auf dem Darß war zusammengebrochen, zahlreiche Orte von der Außenwelt abgeschnitten. Die beiden Küstenautobahnen versanken unter hohen Schneeverwehungen, in denen schon nachts hunderte Autofahrer steckengeblieben waren. Die Polizei riet davon ab, das Auto zu benutzen, der öffentliche Nahverkehr war längst eingestellt. Erinnert an das, was dieser Tage in den Alpen geschieht, oder? Vielleicht lag nicht ganz so viel Schnee, aber genügend, um die gesamte Küstenregion über mehrere Tage lahmzulegen.

Am Tag nach dem Sturm. Die aufgepeitschte Ostsee hat den Strand gänzlich geschluckt. Das Wasser frisst bereits an den Dünen …

Was tut man in einem solchen Fall? Abwarten, Tee trinken, vernünftig sein. Vor allem aber alle bisherigen Pläne über den Haufen werfen. Ich verlängerte meinen Aufenthalt und ging im Sturm spazieren. Als ich zwei Tage später dann doch die Heimreise antrat, war der Sturm noch so stark, dass auf der nördlichen Richtungsfahrbahn noch immer nichts ging. Trotz Räumfahrzeugen wehte sie ständig wieder zu. In Richtung Berlin hatten wir Glück, weil ein Schneepflug vor uns her fuhr. Wie viel Glück das aber wirklich bedeutete, wurde erst am Abend klar. Als dieselbe Autobahn wegen anhaltender Schneeverwehungen erneut unpassierbar geworden war. Glück im Unglück, würde ich sagen. Traumhafte Bilder und die Erinnerung an ein Schneechaos, das den perfekten Einstieg in »Die Schneemänner« bot.

Schaut euch gern auch den Buchtrailer auf YouTube an – die Fotos darin sind ebenfalls während dieser Recherchetour entstanden.

Romanrecherchen in Eis und Schnee 1

Ich bin gern zu Recherchezwecken unterwegs. Das wisst ihr spätestens seit meinem Schottland-Roman. Allerdings kann niemand so ohne weiteres erkennen, unter welch widrigen Umständen die manchmal stattfinden. Oder könnt ihr euch vorstellen, dass es lustig ist, bei minus 20° ein Fotoshooting durchzuziehen?

Doch, ist es. In dicken Klamotten jedenfalls. Deshalb gibt es auch dieses Bild von mir mit den etwas albernen Verrenkungen im Skianzug ;-) Es entstand am Neujahrsmorgen in der größten Wanderdüne Europas. Sie grenzt westlich an das kleine polnische Ostseebad Leba.

Die Ostsee erstarrt noch in Bewegung. Hier ein Wellental direkt vorm Strand.

Normalerweise ist Leba die beliebteste Sommerfrische für die Polen. Auch wegen der riesigen Wanderdüne. Doch am 1. Januar 2016 war dort keine Menschenseele. Bei minus 20° blieben die Silvesterberauschten wohl lieber im Bett. Der perfekte Moment also, um der Atmosphäre einer menschenleeren Wüste nachzuspüren.

In jenem Winter gab es keinen Schnee. Und bis zum 30.12. im Grunde auch nur graues Ekelwetter. Aber dann schlug die so genannte russische Kältepeitsche zu. Und da man in Leba, das etwa 500 km östlich von Berlin absolut ungeschützt an der Ostsee liegt, der russischen Grenze sehr nahe kommt, schlug sie dort wohl um so erbarmungsloser zu. Innerhalb von wenigen Stunden sank das Thermometer von knapp 10° über Null auf 10° unter Null. Nachts weiter auf minus 20°. Bei der Ankunft in Leba war der Hafen des beschaulichen Ortes noch eisfrei. Drei Tage lagen die Fischerboote bewegungslos im Eis. Sie waren eingefroren.

Das Seil im Vordergrund begrenzt die Gefahrenzone der Düne.

Für die schönsten Naturplätze gilt ja oft: Sie sind mit dem Auto nicht erreichbar. Die Sanddüne von Leba macht da keine Ausnahme. Man hat die Wahl zwischen einem 8 km und einem 16 km langen Fußmarsch am Strand entlang. Ich liebäugelte tatsächlich einen Moment mit dem längeren Weg. Aber am Ende tat es auch der Kürzere. Und bei dem kann man sogar schummeln und den größeren Teil der Strecke mit einem Elektrokarren zurücklegen ;-) Stellt ihn euch wie eine Art Lore vor. Zu allen Seiten offen, zugig. Wir froren erbärmlich und waren froh, als wir uns endlich wieder selbst bewegen mussten.

Aber warum genau tut man sich das an? Für mich ist Vor-Ort-Recherche die beste Inspiration. Ich brauche die Atmosphäre, um gut in die Story zu finden. Ich will wissen, wie der Ort der Handlung riecht. Wie es sich anfühlt, dort zu sein. Wie die Menschen ticken, die dort leben. Was sie glücklich macht und was traurig. Und was mich selbst mit diesem Ort verbinden könnte. Wenn ich durch die Straßen laufe, werde ich innerlich zu einem Protagonisten meiner Geschichte. Ich versuche, die Dinge mit seinen Augen zu sehen und mit seinem Herzen zu erfühlen. Was würde er tun, wenn er hier wäre? Und welche Auswirkungen hat das auf meinen Roman? Kann ich ihn so schreiben, wie ich es geplant habe? Oder habe ich plötzlich völlig neue Aspekte entdeckt, die ich berücksichtigen muss?

Was aus der Recherche in der polnischen Sahara wurde, wie die Wanderdüne von Leba auch genannt wird? Lest selbst. Hier ein Auszug aus dem Roman „Sand des Vergessens“, der 2016 erschien.

Die Wanderdüne erreicht eine Höhe von über 40 Metern.

Mir bleibt an dieser Stelle noch zu sagen, dass wir leider keinen heißen Tee dabei hatten und das Fotoshooting auch ziemlich kurz hielten. Zum einen, weil die Akkus unserer Kameras bei diesen Temperaturen innerhalb kürzester Zeit den Geist aufgaben. Und zum anderen, weil man sofort das Gefühl hatte einzufrieren, sobald man zum Stillstand kam oder gar die Handschuhe auszog, um die Kamera bedienen zu können. Der scharfe Wind ließ die minus 17° an jenem Tag wie minus 27 erscheinen …

Das war Teil 1 der Romanrecherchen in Eis und Schnee. Morgen lest ihr an dieser Stelle Teil 2. Dann über den Schneesturm, der für die Geschichte um »Die Schneemänner« zur Vorlage wurde.

Schneemänner Teil 12+13 erscheint später

Liebe Schneemänner-Fans,

das ist eine Entscheidung, die ich eigentlich nie treffen wollte. Immer bisschen enttäuschend, wenn der Erscheinungstermin eines Buches verschoben wird. Und bislang hab ich das vermeiden können. Jetzt allerdings muss ich zum ersten Mal auf euer Verständnis hoffen.

Der Jahreswechsel hat mich in meiner Kreativität ausgebremst. Trotz erhöhten Schokoladenkonsums. Manches ist nicht so gelaufen, wie ich gewollt hätte. Und dann hab ich gleich am 1.1. mein Vorhaben für dieses Jahr in die Tat umgesetzt und die Arbeit mit einer neuen Autorensoftware begonnen. Insbesondere das Erscheinungsbild der eBooks wird davon profitieren. Aber sich in neue Technik einzuarbeiten, bremst natürlich den Schreibfluss ebenfalls.

Nun bin ich endlich in Schwung gekommen. Die Geschichte nimmt Gestalt an. Doch den Zeitverzug kann ich leider nicht mehr wettmachen. Gerade das Finale dieses mehrteiligen Romans soll ein wirklich schönes werden, keine halbe Sache. Ich möchte, dass ihr begeistert seid.

Deshalb erscheint die voraussichtlich letzte Staffel der Schneemänner einen Monat später. Ich habe den Termin bei amazon um 30 Tage, also auf den 08.03.2019, verschoben. Sollte ich früher fertig sein, werden alle Vorbesteller automatisch auch früher beliefert. Ansonsten erfahrt ihr den aktuellen Stand der Veröffentlichung hier bzw. in den sozialen Medien.

In der Hoffnung darauf, dass ihr mir dennoch wohlgesonnen bleibt,

eure Nora

PS: Vielleicht ist euch in der Zwischenzeit der geheime SCHNEEMÄNNER-TALK ein kleiner Trost. Hier geht’s zu den ersten Gesprächen …

 

Schneemänner-Talk, das 2. Gespräch

Seit Jacob vorschlug, es mit einer gemeinsamen Frau zu versuchen, sind Wochen vergangen. Sie haben kein Wort mehr darüber verloren. Doch bei Paul hat sich die Idee festgesetzt. Es vergeht kaum ein Tag, an dem er nicht daran denkt. Manchmal erscheint sogar ein Bild vor seinem inneren Auge. Er und Jack, eine Frau in ihrer Mitte und jeder von ihnen hat den Arm um sie geschlungen. Sie scherzen miteinander, sind heiter und ausgelassen. Es fühlt sich an wie die Momente voll Glückseligkeit, die er aus seiner Kindheit in Erinnerung hat. Vielleicht doch etwas, das sie in Erwägung ziehen sollten?
Die beiden Männer sprinten mit ihren Rädern über den asphaltierten Küstenweg. Als das reetgedeckte Haus, das sie gemeinsam saniert haben, hinter den Dünen auftaucht, stoppen sie. Das war’s für heute. Sie steigen aus den Sätteln, tragen die Bikes zum Strand hinunter und lassen sich erschöpft in den warmen Sand fallen.

»Was du da neulich über eine Frau für uns beide gesagt hast, finde ich gar nicht abwegig«, beginnt Paul, als er wieder in der Lage ist zu sprechen.
Jacob dreht überrascht den Kopf. »Daran denkst du noch?«
»Klar. Hat doch was.«
»War aber nicht wirklich ernst gemeint.«
»Warum nicht?«
»Na ja, ich wollte dich eigentlich nur ein wenig aufmuntern, weil das mit Jenny nicht geklappt hat.«
»Du meintest, sie passt nicht zu mir.« Pauls Blick wandert hinauf in den Himmel. »Stimmt vielleicht. Wohl an der Zeit, dass ich es mal mit ner Frau versuche, ohne drauf zu achten, ob sie meinen Fetisch teilt.«
»Das sind ja ganz neue Töne.«
»Tja, wer nicht wagt, der nicht gewinnt.«
Sie lachen.
»Aber im Ernst«, fährt Paul fort. »Ich will eigentlich keine, die ohne Aufforderung sofort auf die Knie fällt, um mir ihre Demut zu beweisen.«
»Sondern?«
»Na ja, aufmüpfig darf sie schon sein.« Er grinst vor sich hin. »Hab ich wenigstens einen Grund, sie zu strafen.«
Von links neben ihm kommt ein unwilliges Knurren.
»Ich kann auch sanft«, versichert er schnell.
»Ja ja, du mich auch.«
»Wenn du mir nicht glaubst …«
»Klar doch. So sanft, dass sich die Mädels förmlich danach verzehren.«
Wenn du wüsstest, denkt Paul, verzichtet jedoch auf einen Kommentar zu Jacobs spöttischer Bemerkung.

Minutenlang schauen sie einfach nur den Wolken nach, die über den Abendhimmel ziehen. Aus einiger Entfernung dringen die Stimmen der letzten Badegäste zu ihnen. Wenn sich der Strand geleert hat, werden auch sie sich in die Fluten stürzen. Wie immer nackt. Ein Vergnügen, das eine gemeinsame Frau durchaus mit ihnen teilen sollte.
»Sie könnte ein paar Jahre jünger sein als wir«, sinniert Paul weiter. »Wegen der Familienplanung.«
»Oh Mann.«
»Aber nicht zu jung. Eher schon bisschen festgelegt auf Job und gewisse Werte.«
»Werte – aha. Was genau?«
»Ehrlichkeit, Offenheit …« Er wendet sich wieder dem Freund zu. »Sie sollte ihren Job mögen. Und ich will keine, die sich erst noch finden muss.«
»Müssen wir das nicht alle?«
»Vielleicht. Aber das fällt eher unter die Rubrik ‚Weiterentwickeln‘.«
Paul mustert Jacob und versucht, in dessen Miene zu lesen. Immerhin war er doch derjenige, der diese Idee ausgebrütet hat. Warum argumentiert er jetzt so vehement dagegen?
»Machst du dir keine Gedanken, wir könnten eifersüchtig aufeinander sein?«, will Jacob in diesem Moment wissen.
»Nee.«
»Ich hätte Schiss davor.«
»Warum? Wär doch nicht das erste Mal, dass wir zusammen mit einer Frau …«
»Das ist doch ganz was anderes.« Jacob klingt ungehalten. »Du kannst doch so ne Nummer nicht mit einer echten Beziehung vergleichen.«
»Aber der Sex zu dritt sollte schon passen.«
»Es gibt Dreierbeziehungen, in denen so was gar nicht stattfindet.«
»Echt?« So genau hat Paul sich damit noch nicht beschäftigt. Und eigentlich ist er jetzt baff, dass Jacob offenbar mehr darüber weiß.
»In den meisten Polybeziehungen sind die Partner eher selten zeitgleich am Start.«
»Okayyy. Ja, gut. Muss man abwarten. Sollen sich ja alle damit wohlfühlen. Wir und sie.«
Erneut verfallen die beiden Männer in Schweigen.

Hat aber nichts weiter zu bedeuten. Eigentlich ist es etwas Normales zwischen ihnen. Obwohl Jacob eine ziemliche Quasselstrippe sein kann. Was sich für eine gemeinsame Frau sogar als Vorteil herausstellen könnte. Sie hätte dann wenigstens einen, mit dem sie stundenlang reden kann. Tun Frauen bekanntlich gern. Und lässt Paare streiten, wenn der Mann da nicht mitmacht. Also wohl ein Punkt für die Dreierkonstellation, oder?
»Ich glaub, wir würden uns super ergänzen«, nimmt Paul den Faden wieder auf. »Zum Beispiel beim Shoppen. Ich hatte noch nie Spaß daran. Du schon.«
»Und ich nicht wirklich beim Kochen. Das machst du dann mit ihr.«
»Ihr beide geht tanzen und mir muss sie Modell stehen.«
Jacob lacht. »Dann lässt sie sich hoffentlich gern fotografieren … Okay. Ich stopfe sie mit Torte voll und du mit gesunden Sachen.«
»Dann kann sie sich schon mal auf ein Wechselbad der Gefühle einstellen.« Paul stützt sich rittlings auf beide Ellenbogen und grinst Jacob an. »Wehe, sie wird fett.«
Der feixt. »Dann?«
»Muss ich sie bestrafen.«
Jetzt stemmt er sich ebenfalls hoch. »Herrgott noch mal! Kannst du auch an was anderes denken?«
»Warum sollte ich?«
»Weil sie vielleicht keinen Bock auf deine Spielchen hat?«
»Werden wir sehen.« Er wackelt mit den Augenbrauen. »Wenn ich will, bin ich sehr überzeugend.«
Als Jacob darauf nur mit einem vielsagenden Blick reagiert, ansonsten aber schweigt, wird Paul misstrauisch.
»Hast du etwa schon eine Kandidatin?«
Jacob zwinkert und streift sich das Shirt über den Kopf. »Möglich …«
»Was heißt das?« Der hat echt schon eine Frau ins Visier genommen und behält das für sich?
»Ich brauch erst mal mehr Infos, bevor ich konkret werde.«
Paul boxt ihm freundschaftlich gegen den Oberarm. »Come on. Das kannst du nicht machen.«
»Weil du hier der Sadist bist, oder wie?« Jacob feixt.
»Wer ist sie?«
»Vergiss es!«
»Wenigstens einen Namen.«
»Nein, verdammt.«
»Das ist unfair.«
»Quatsch.«
»Woher kennst du sie?«
Jacob presst die Lippen aufeinander, schließt ein imaginäres Schloss ab und wirft den ebenfalls imaginären Schlüssel hinter sich.
So ein Arsch. »Und ich gebe hier großzügig den Versorger, ich Depp. Wasser und Brot«, platzt er heraus. »Wasser und Brot kriegst du heute Abend, nichts sonst.«
»Dann geh ich eben ins Hotel. Anna tischt garantiert was Ordentliches auf.«
»Anna?« Paul wird hellhörig. »Nicht dein Ernst, oder?«
»Was?«
»Na Anna …«
Es dauert, ehe Jacob begreift, was er meint. Dann bricht er in ein kehliges Lachen aus und winkt ab.
»Anna doch nicht.«
»Scheiße, Mann.« Paul atmet hörbar auf. »Ich dachte schon, du bist von allen guten Geistern verlassen.«
»Was hast du gegen Anna?«
»Nichts. Ist mir nur bisschen zu extrovertiert.«
»Aber sie hat einen tollen Hintern.«
»Annas Hintern kann mir gestohlen bleiben.«
»Weil?«
»Sie wartet doch nur darauf, dass einer von uns …«
»Was du nicht sagst.« Jacob steigt aus seinen Shorts und schwingt demonstrativ die Hüfte.
»Wenn sie dich so sehen könnte.« Paul grinst anzüglich.
»Lass gut sein. Anna ist keine Frau für uns.«
»Wer dann?«
»Die Autorin.«
»Autorin?«
»Kommt seit etwa einem Jahr regelmäßig ins Hotel, um an ihren Büchern zu arbeiten.«
»Wir sollen uns mit einer Autorin zusammentun?«
»Warte, bis du sie kennenlernst.«
»Und woher kennst du sie?«
»Ich kenn sie nicht.« Jacob schürzt die Lippen.
»Moment.« Paul guckt entgeistert. »Du kennst sie nicht, hältst sie aber für geeignet? Wie passt das zusammen? Und überhaupt. Autoren basteln sich die Welt, wie’s ihnen gefällt. Die sind doch total neben der Spur.«
»Die garantiert nicht.«
»Woher willst du das wissen.«
»Ich hab da so meine Quellen.«
Jacob hat kaum ausgesprochen, da deutet er schon mit dem Kopf Richtung Wasser.«Na los, beweg deinen Arsch. Ich hab Hunger.« In der Abendsonne erscheint sein Körper für den Moment wie der einer griechischen Götterstatue.

Eine Autorin, denkt Paul. Hoffentlich keine dieser Schnepfen, von denen ihm Jenny mal erzählt hat. Die neuerdings glauben, sie müssten über BDSM schreiben, ohne auch nur die geringste Ahnung davon zu haben. Den Zahn wird er ihr gnadenlos ziehen. Ein bisschen Peitsche, ein bisschen Bondage – das hat noch jede eines Besseren belehrt …

Fortsetzung folgt!

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Wer das 1. Gespräch zwischen Paul und Jacob verpasst hat, findet den Text hier.