Shades of Bondage – unglaublich fesselnd

© Visage_deux

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Jenny schläft. Zumindest vermute ich das. Sie liegt auf dem hölzernen harten Podest wie in einem kuscheligen Bett. Ecken und Kanten scheint sie nicht zu spüren. Ihr Gesicht ist entspannt, der Mund leicht geöffnet. Schneewittchen, denke ich. Sie ist wirklich ein Schneewittchen. Schwarzes Haar, milchweiße Haut und volle rote Lippen. Frank hat den Bademantel über ihren Körper gebreitet. Wenn Menschen aus einer Trance erwachen, frieren sie, sagt er.

Im Moment sitzt er neben ihr, raucht schweigend und streichelt sie hin und wieder. Es liegt in seiner Macht, sie zurückzuholen. Wann er das tut? Keine Ahnung. Er entscheidet. Er ist der Rigger. Und wenn er das perfekte Bild im Kasten hat, was ich vermute, hat er jetzt alle Zeit der Welt.

Das hier ist das vierte Setting. Von mir aus kann es endlos so weitergehen. Aber ich hab ja keine Ahnung, wie anstrengend das für Rigger und Bunny ist – so nennt man das Model eines Bondage-Meisters. Frank erweckt allerdings nicht den Anschein, als würde ihm auch nur irgendwas in den letzten drei Stunden zu schaffen gemacht haben. Obwohl er ständig mit Seilen, Stativen und Inventar hantiert oder Zugvorrichtungen an den Eisenschienen über unseren Köpfen bewegt.

Wo ich bin? Bei Visage_deux, einem Studio für erotische und Fetisch-Fotografie im Ruhrgebiet. Frank ist Rigger und Fotograf in einem. Und natürlich ein Dom. Aber das macht er subtil und lässt es nicht raushängen. Er ist keiner von denen, der die Mädels permanent tanzen lässt. Und wenn doch, krieg ich es nicht mit.

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Die Neugier auf Bondage hat mich hergetrieben. Rein theoretisch hätte ich mir das wohl auch auf einer Messe anschauen können oder in irgendeinem SM-Club. In Berlin gibt es genug davon. Aber das wäre nicht dasselbe gewesen. Mit Frank hab ich schon länger Kontakt. Er hat das Coverfoto für meinen neuesten Roman inszeniert. Und die für die beiden nächsten kommen auch von ihm. Was lag also näher, als ihn zu besuchen und mal genau hinzuschauen, wie das so läuft, das Fesseln? Recherche im Netz ersetzt eben nicht alles 😉 Und da es in einem der nächsten beiden Romane um Bondage geht, wollte ich einen Live-Eindruck.

Seit drei Stunden habe ich ihn. Und ich bin fasziniert. Vielleicht sogar mehr als das. Es ist schwierig zu beschreiben, was hier genau passiert. Bei Bondage denkt man im ersten Moment natürlich an SM, an den Fakt, dass man sich nicht bewegen kann, dass man ausgeliefert ist, vielleicht Schmerzen hat, weil irgendwo was drückt, einengt oder unangenehm verrenkt ist. Würde es euch sehr wundern, wenn ich sage, dass all das so nicht stimmt? Na gut, ich spreche von meiner Wahrnehmung als Beobachter. Ich hab nicht selbst in den Seilen gehangen. Ich hab zwar tagelang vorher darüber nachgedacht, ob ich es ausprobieren möchte. Aber mein innerer feiger Schweinehund hat gesiegt. Das passiert mir öfter in diesem Kontext. Ich möchte zu gern, schaff es dann aber nicht, die imaginäre Grenze zu überwinden. Schwierig, schwierig …

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Ich sitze also mitten im Geschehen und betrachte, was Frank mit Jenny tut. Man muss übrigens nicht nackt sein beim Bondage. Ist ja auch nicht jedermanns Sache. Jenny jedenfalls trägt Höschen und Korsett und lange Stiefel dazu. Sie weiß, dass Frank die richtigen Perspektiven wählen wird, um das Beste aus den Fotos herauszuholen. Und als er nach der ersten Fesselung um sie herumgeht und in aller Ruhe ein Bild nach dem anderen macht, wird mir so einiges klar.

Von den vielen Events, auf denen ich bislang anwesend war, kenne ich das anders. Das unentwegte Klackern der Auslöser von Fotoapparaten ist ein Geräusch, das mein Gehör seitdem jederzeit reproduzieren kann. Bei solchen Terminen kommen in wenigen Minuten pro Fotograf schnell ein paar hundert Bilder zusammen. Frank dagegen lässt sich Zeit. Mehr als hundertfünfzig Fotos werden es am Ende der Session nicht sein. Mit dem Unterschied, dass jedes seiner Bildmotive gut und überlegt gewählt ist. Weil er so lange an der Ausleuchtung schraubt, bis alles stimmt. Ein typischer Fall von guter Vorarbeit zugunsten eines perfekten Ergebnisses. Sein Motiv allerdings bewegt sich auch nicht 😉 Womit wir wieder beim Bondage wären …

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Diese Bewegungslosigkeit – für Jenny wohl eine Art Tiefenentspannung. Sobald sie spürt, wie sich die Seile um ihren Körper legen, driftet sie in eine andere Welt. Frank platziert Schlinge für Schlinge. Innerhalb kürzester Zeit hat er … wie viele Seile in Benutzung? Ich weiß nur, dass vorher sieben auf dem Boden lagen. Aufgereiht wie Wäscheleinen. Dicke und dünne. Seile aus Hanf. Das fühlt sich weich an auf der Haut, kein bisschen kratzig. Beste japanische Qualität. Ein gutes Bondage lebt eben auch von gutem Material. Und das wiederum sorgt für Sicherheit.

Die wird bei Frank sowieso großgeschrieben. Die Bondageringe, die an langen Ketten von  Stahlträgern unter der Decke herabhängen, wirken absolut stabil. Panikhaken, mit denen man ein Model schnell abhängen kann, wenn es nötig wird, sind selbstverständlich. Und dass er ein Messer griffbereit hat, um notfalls auch die Seile zu zerschneiden, muss ich nicht extra erwähnen. Aber eine Sache auf jeden Fall noch, und das empfinde ich auch als Sicherheitsfaktor. Frank hat eine hypnotische Ader. Sollte jemand Probleme womit auch immer haben, bleibt er die Ruhe selbst. Er sagt, man sei beim Bondage im Grunde vor nichts gefeit. Aber er sagt auch, er würde die Situation selbst dann im Griff haben. Und das nimmt man ihm ab. Auch ohne die Probe aufs Exempel. Wenn er seine Stimme einsetzt, funktioniert das einfach.

Jenny liegt noch auf dem hölzernen Podest. In den Settings davor hat er sie in die ungewöhnlichsten Positionen gebunden. Sie ist also bereits zum vierten Mal in Trance. Jetzt beugt er sich zu ihr hinunter und sagt etwas. Nur sie kann es hören. Dann steht er auf, geht hinaus und regelt die Musik wieder hoch. Im nächsten Moment öffnet Jenny die Augen. Die Musik ist ihr Trigger. Sie sieht aus, als hätte sie tief geschlafen. Schneewittchen eben. Ob ihre Glieder schmerzen, weil sie minutenlang bewegungslos in einer Pose ausharren musste?

Es sieht nicht danach aus. Aber morgen wird sie alle Muskeln spüren, sagt Frank. Er winkt sein Model zu dem kleinen Bildschirm, auf dem sie gemeinsam die Fotos betrachten. Jenny lächelt. Und sie hat guten Grund dazu. Es sind schöne Aufnahmen. Entspannte. Man sieht deutlich, dass sie fliegt. Dabei hat Frank nichts weiter getan, als ihren Körper in Seile zu legen. Für den geheimnisumwitterten Subspace muss man also keineswegs mit einer Peitsche wackeln 😉

Wer Bondage-Geschichten mag – im Sommer gibt es von mir einen Bonusroman zur Story um Marlenas Agentur G.o.G. Einige Szenen darin spielen bei Visage_deux mit Frank in der Rolle des Riggers. Titel des Romans: BONDAGESTORY. Folgt einfach auf Facebook, dann bleibt ihr auf dem Laufenden.

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