Romanrecherchen in Eis und Schnee 1

Ich bin gern zu Recherchezwecken unterwegs. Das wisst ihr spätestens seit meinem Schottland-Roman. Allerdings kann niemand so ohne weiteres erkennen, unter welch widrigen Umständen die manchmal stattfinden. Oder könnt ihr euch vorstellen, dass es lustig ist, bei minus 20° ein Fotoshooting durchzuziehen?

Doch, ist es. In dicken Klamotten jedenfalls. Deshalb gibt es auch dieses Bild von mir mit den etwas albernen Verrenkungen im Skianzug ;-) Es entstand am Neujahrsmorgen in der größten Wanderdüne Europas. Sie grenzt westlich an das kleine polnische Ostseebad Leba.

Die Ostsee erstarrt noch in Bewegung. Hier ein Wellental direkt vorm Strand.

Normalerweise ist Leba die beliebteste Sommerfrische für die Polen. Auch wegen der riesigen Wanderdüne. Doch am 1. Januar 2016 war dort keine Menschenseele. Bei minus 20° blieben die Silvesterberauschten wohl lieber im Bett. Der perfekte Moment also, um der Atmosphäre einer menschenleeren Wüste nachzuspüren.

In jenem Winter gab es keinen Schnee. Und bis zum 30.12. im Grunde auch nur graues Ekelwetter. Aber dann schlug die so genannte russische Kältepeitsche zu. Und da man in Leba, das etwa 500 km östlich von Berlin absolut ungeschützt an der Ostsee liegt, der russischen Grenze sehr nahe kommt, schlug sie dort wohl um so erbarmungsloser zu. Innerhalb von wenigen Stunden sank das Thermometer von knapp 10° über Null auf 10° unter Null. Nachts weiter auf minus 20°. Bei der Ankunft in Leba war der Hafen des beschaulichen Ortes noch eisfrei. Drei Tage lagen die Fischerboote bewegungslos im Eis. Sie waren eingefroren.

Das Seil im Vordergrund begrenzt die Gefahrenzone der Düne.

Für die schönsten Naturplätze gilt ja oft: Sie sind mit dem Auto nicht erreichbar. Die Sanddüne von Leba macht da keine Ausnahme. Man hat die Wahl zwischen einem 8 km und einem 16 km langen Fußmarsch am Strand entlang. Ich liebäugelte tatsächlich einen Moment mit dem längeren Weg. Aber am Ende tat es auch der Kürzere. Und bei dem kann man sogar schummeln und den größeren Teil der Strecke mit einem Elektrokarren zurücklegen ;-) Stellt ihn euch wie eine Art Lore vor. Zu allen Seiten offen, zugig. Wir froren erbärmlich und waren froh, als wir uns endlich wieder selbst bewegen mussten.

Aber warum genau tut man sich das an? Für mich ist Vor-Ort-Recherche die beste Inspiration. Ich brauche die Atmosphäre, um gut in die Story zu finden. Ich will wissen, wie der Ort der Handlung riecht. Wie es sich anfühlt, dort zu sein. Wie die Menschen ticken, die dort leben. Was sie glücklich macht und was traurig. Und was mich selbst mit diesem Ort verbinden könnte. Wenn ich durch die Straßen laufe, werde ich innerlich zu einem Protagonisten meiner Geschichte. Ich versuche, die Dinge mit seinen Augen zu sehen und mit seinem Herzen zu erfühlen. Was würde er tun, wenn er hier wäre? Und welche Auswirkungen hat das auf meinen Roman? Kann ich ihn so schreiben, wie ich es geplant habe? Oder habe ich plötzlich völlig neue Aspekte entdeckt, die ich berücksichtigen muss?

Was aus der Recherche in der polnischen Sahara wurde, wie die Wanderdüne von Leba auch genannt wird? Lest selbst. Hier ein Auszug aus dem Roman „Sand des Vergessens“, der 2016 erschien.

Die Wanderdüne erreicht eine Höhe von über 40 Metern.

Mir bleibt an dieser Stelle noch zu sagen, dass wir leider keinen heißen Tee dabei hatten und das Fotoshooting auch ziemlich kurz hielten. Zum einen, weil die Akkus unserer Kameras bei diesen Temperaturen innerhalb kürzester Zeit den Geist aufgaben. Und zum anderen, weil man sofort das Gefühl hatte einzufrieren, sobald man zum Stillstand kam oder gar die Handschuhe auszog, um die Kamera bedienen zu können. Der scharfe Wind ließ die minus 17° an jenem Tag wie minus 27 erscheinen …

Das war Teil 1 der Romanrecherchen in Eis und Schnee. Morgen lest ihr an dieser Stelle Teil 2. Dann über den Schneesturm, der für die Geschichte um »Die Schneemänner« zur Vorlage wurde.

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6 Gedanken zu „Romanrecherchen in Eis und Schnee 1

  1. Ich finde es echt super zu erfahren wie du eben zu gewissen Szenen aus deinen Romanen kommst und finde die hautnahe Recherche bemerkenswert und du hast meine Hochachtung davor. Jetzt kann ich auch absolut nachvollziehen warum es eben manchmal etwas länger dauert, bis die Bücher im Kasten sind

    • Na ja, mit dem Finger auf der Landkarte kann jeder *lach – allerdings mach ich immer beides. Eben, weil ich natürlich auch schreiben muss. Will heißen: Vor-Ort-Recherchen kosten tatsächlich Zeit und die hat man eben nicht immer. Wie du schon sagst, Romy. Danke :-)

  2. Eine der vielen positiven Seiten Deiner Romane, die ich am meisten liebe, ist die Authentizität. Man spürt regelrecht die Atmosphäre, riecht das Salz der Ostsee und fühlt die Kälte auf der Haut. Ich glaube, viele Leser machen sich kein Bild, wie viel Mühe notwendig ist und Du Dir auch gibst, um genau das zu erreichen. Ich möchte Dich darin bestärken, das auch weiterhin beizubehalten.

    • Danke, Roland, dass du mir Mut machst, diese Art der Recherche fortzusetzen. Ich spüre auch, dass meine Leser von der dadurch entstehenden Authentizität begeistert sind. Und dann machen einem im Nachhinein 20° Kälte auch nichts mehr aus *lach

  3. Recherche vor Ort ist das eine, und das Gefühl dabei, die Gedanken (vielleicht auch Tagträume) in die passenden Worte zu fassen ist das andere.
    Das gelingt dir großartig! Egal, ob es dabei um eine gewisse Leichtigkeit oder um Tiefsinn geht, wenn ich da an Tanja denke.
    Man merkt genau, dass es nicht nur einfach dahingeschrieben ist, um schnellstmöglich ein weiteres Nuch zu veröffentlichen.
    Mich haben bisher alle deine Bücher, die ich gelesen hab, mitgenommen, ins Geschehen rein.
    Vielen Dank dafür, dass ich so immer dem Alltag etwas entfliehen kann.

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