Schneemänner-Talk, das 2. Gespräch

Seit Jacob vorschlug, es mit einer gemeinsamen Frau zu versuchen, sind Wochen vergangen. Sie haben kein Wort mehr darüber verloren. Doch bei Paul hat sich die Idee festgesetzt. Es vergeht kaum ein Tag, an dem er nicht daran denkt. Manchmal erscheint sogar ein Bild vor seinem inneren Auge. Er und Jack, eine Frau in ihrer Mitte und jeder von ihnen hat den Arm um sie geschlungen. Sie scherzen miteinander, sind heiter und ausgelassen. Es fühlt sich an wie die Momente voll Glückseligkeit, die er aus seiner Kindheit in Erinnerung hat. Vielleicht doch etwas, das sie in Erwägung ziehen sollten?
Die beiden Männer sprinten mit ihren Rädern über den asphaltierten Küstenweg. Als das reetgedeckte Haus, das sie gemeinsam saniert haben, hinter den Dünen auftaucht, stoppen sie. Das war’s für heute. Sie steigen aus den Sätteln, tragen die Bikes zum Strand hinunter und lassen sich erschöpft in den warmen Sand fallen.

»Was du da neulich über eine Frau für uns beide gesagt hast, finde ich gar nicht abwegig«, beginnt Paul, als er wieder in der Lage ist zu sprechen.
Jacob dreht überrascht den Kopf. »Daran denkst du noch?«
»Klar. Hat doch was.«
»War aber nicht wirklich ernst gemeint.«
»Warum nicht?«
»Na ja, ich wollte dich eigentlich nur ein wenig aufmuntern, weil das mit Jenny nicht geklappt hat.«
»Du meintest, sie passt nicht zu mir.« Pauls Blick wandert hinauf in den Himmel. »Stimmt vielleicht. Wohl an der Zeit, dass ich es mal mit ner Frau versuche, ohne drauf zu achten, ob sie meinen Fetisch teilt.«
»Das sind ja ganz neue Töne.«
»Tja, wer nicht wagt, der nicht gewinnt.«
Sie lachen.
»Aber im Ernst«, fährt Paul fort. »Ich will eigentlich keine, die ohne Aufforderung sofort auf die Knie fällt, um mir ihre Demut zu beweisen.«
»Sondern?«
»Na ja, aufmüpfig darf sie schon sein.« Er grinst vor sich hin. »Hab ich wenigstens einen Grund, sie zu strafen.«
Von links neben ihm kommt ein unwilliges Knurren.
»Ich kann auch sanft«, versichert er schnell.
»Ja ja, du mich auch.«
»Wenn du mir nicht glaubst …«
»Klar doch. So sanft, dass sich die Mädels förmlich danach verzehren.«
Wenn du wüsstest, denkt Paul, verzichtet jedoch auf einen Kommentar zu Jacobs spöttischer Bemerkung.

Minutenlang schauen sie einfach nur den Wolken nach, die über den Abendhimmel ziehen. Aus einiger Entfernung dringen die Stimmen der letzten Badegäste zu ihnen. Wenn sich der Strand geleert hat, werden auch sie sich in die Fluten stürzen. Wie immer nackt. Ein Vergnügen, das eine gemeinsame Frau durchaus mit ihnen teilen sollte.
»Sie könnte ein paar Jahre jünger sein als wir«, sinniert Paul weiter. »Wegen der Familienplanung.«
»Oh Mann.«
»Aber nicht zu jung. Eher schon bisschen festgelegt auf Job und gewisse Werte.«
»Werte – aha. Was genau?«
»Ehrlichkeit, Offenheit …« Er wendet sich wieder dem Freund zu. »Sie sollte ihren Job mögen. Und ich will keine, die sich erst noch finden muss.«
»Müssen wir das nicht alle?«
»Vielleicht. Aber das fällt eher unter die Rubrik ‚Weiterentwickeln‘.«
Paul mustert Jacob und versucht, in dessen Miene zu lesen. Immerhin war er doch derjenige, der diese Idee ausgebrütet hat. Warum argumentiert er jetzt so vehement dagegen?
»Machst du dir keine Gedanken, wir könnten eifersüchtig aufeinander sein?«, will Jacob in diesem Moment wissen.
»Nee.«
»Ich hätte Schiss davor.«
»Warum? Wär doch nicht das erste Mal, dass wir zusammen mit einer Frau …«
»Das ist doch ganz was anderes.« Jacob klingt ungehalten. »Du kannst doch so ne Nummer nicht mit einer echten Beziehung vergleichen.«
»Aber der Sex zu dritt sollte schon passen.«
»Es gibt Dreierbeziehungen, in denen so was gar nicht stattfindet.«
»Echt?« So genau hat Paul sich damit noch nicht beschäftigt. Und eigentlich ist er jetzt baff, dass Jacob offenbar mehr darüber weiß.
»In den meisten Polybeziehungen sind die Partner eher selten zeitgleich am Start.«
»Okayyy. Ja, gut. Muss man abwarten. Sollen sich ja alle damit wohlfühlen. Wir und sie.«
Erneut verfallen die beiden Männer in Schweigen.

Hat aber nichts weiter zu bedeuten. Eigentlich ist es etwas Normales zwischen ihnen. Obwohl Jacob eine ziemliche Quasselstrippe sein kann. Was sich für eine gemeinsame Frau sogar als Vorteil herausstellen könnte. Sie hätte dann wenigstens einen, mit dem sie stundenlang reden kann. Tun Frauen bekanntlich gern. Und lässt Paare streiten, wenn der Mann da nicht mitmacht. Also wohl ein Punkt für die Dreierkonstellation, oder?
»Ich glaub, wir würden uns super ergänzen«, nimmt Paul den Faden wieder auf. »Zum Beispiel beim Shoppen. Ich hatte noch nie Spaß daran. Du schon.«
»Und ich nicht wirklich beim Kochen. Das machst du dann mit ihr.«
»Ihr beide geht tanzen und mir muss sie Modell stehen.«
Jacob lacht. »Dann lässt sie sich hoffentlich gern fotografieren … Okay. Ich stopfe sie mit Torte voll und du mit gesunden Sachen.«
»Dann kann sie sich schon mal auf ein Wechselbad der Gefühle einstellen.« Paul stützt sich rittlings auf beide Ellenbogen und grinst Jacob an. »Wehe, sie wird fett.«
Der feixt. »Dann?«
»Muss ich sie bestrafen.«
Jetzt stemmt er sich ebenfalls hoch. »Herrgott noch mal! Kannst du auch an was anderes denken?«
»Warum sollte ich?«
»Weil sie vielleicht keinen Bock auf deine Spielchen hat?«
»Werden wir sehen.« Er wackelt mit den Augenbrauen. »Wenn ich will, bin ich sehr überzeugend.«
Als Jacob darauf nur mit einem vielsagenden Blick reagiert, ansonsten aber schweigt, wird Paul misstrauisch.
»Hast du etwa schon eine Kandidatin?«
Jacob zwinkert und streift sich das Shirt über den Kopf. »Möglich …«
»Was heißt das?« Der hat echt schon eine Frau ins Visier genommen und behält das für sich?
»Ich brauch erst mal mehr Infos, bevor ich konkret werde.«
Paul boxt ihm freundschaftlich gegen den Oberarm. »Come on. Das kannst du nicht machen.«
»Weil du hier der Sadist bist, oder wie?« Jacob feixt.
»Wer ist sie?«
»Vergiss es!«
»Wenigstens einen Namen.«
»Nein, verdammt.«
»Das ist unfair.«
»Quatsch.«
»Woher kennst du sie?«
Jacob presst die Lippen aufeinander, schließt ein imaginäres Schloss ab und wirft den ebenfalls imaginären Schlüssel hinter sich.
So ein Arsch. »Und ich gebe hier großzügig den Versorger, ich Depp. Wasser und Brot«, platzt er heraus. »Wasser und Brot kriegst du heute Abend, nichts sonst.«
»Dann geh ich eben ins Hotel. Anna tischt garantiert was Ordentliches auf.«
»Anna?« Paul wird hellhörig. »Nicht dein Ernst, oder?«
»Was?«
»Na Anna …«
Es dauert, ehe Jacob begreift, was er meint. Dann bricht er in ein kehliges Lachen aus und winkt ab.
»Anna doch nicht.«
»Scheiße, Mann.« Paul atmet hörbar auf. »Ich dachte schon, du bist von allen guten Geistern verlassen.«
»Was hast du gegen Anna?«
»Nichts. Ist mir nur bisschen zu extrovertiert.«
»Aber sie hat einen tollen Hintern.«
»Annas Hintern kann mir gestohlen bleiben.«
»Weil?«
»Sie wartet doch nur darauf, dass einer von uns …«
»Was du nicht sagst.« Jacob steigt aus seinen Shorts und schwingt demonstrativ die Hüfte.
»Wenn sie dich so sehen könnte.« Paul grinst anzüglich.
»Lass gut sein. Anna ist keine Frau für uns.«
»Wer dann?«
»Die Autorin.«
»Autorin?«
»Kommt seit etwa einem Jahr regelmäßig ins Hotel, um an ihren Büchern zu arbeiten.«
»Wir sollen uns mit einer Autorin zusammentun?«
»Warte, bis du sie kennenlernst.«
»Und woher kennst du sie?«
»Ich kenn sie nicht.« Jacob schürzt die Lippen.
»Moment.« Paul guckt entgeistert. »Du kennst sie nicht, hältst sie aber für geeignet? Wie passt das zusammen? Und überhaupt. Autoren basteln sich die Welt, wie’s ihnen gefällt. Die sind doch total neben der Spur.«
»Die garantiert nicht.«
»Woher willst du das wissen.«
»Ich hab da so meine Quellen.«
Jacob hat kaum ausgesprochen, da deutet er schon mit dem Kopf Richtung Wasser.«Na los, beweg deinen Arsch. Ich hab Hunger.« In der Abendsonne erscheint sein Körper für den Moment wie der einer griechischen Götterstatue.

Eine Autorin, denkt Paul. Hoffentlich keine dieser Schnepfen, von denen ihm Jenny mal erzählt hat. Die neuerdings glauben, sie müssten über BDSM schreiben, ohne auch nur die geringste Ahnung davon zu haben. Den Zahn wird er ihr gnadenlos ziehen. Ein bisschen Peitsche, ein bisschen Bondage – das hat noch jede eines Besseren belehrt …

Fortsetzung folgt!

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Wer das 1. Gespräch zwischen Paul und Jacob verpasst hat, findet den Text hier.

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