Schneemänner-Talk, das 7. Gespräch

»Krass, oder?«
»Der Stromausfall?«
»Na, der war ja zu erwarten. Aber das meine ich nicht.« Paul schüttelt den Kopf. Seine Miene wirkt angespannt. »Das mit diesem Koks-Typen, von dem Louisa heute Nacht erzählt hat.«
Jacob schaut von seiner Arbeit hoch und wirft dem Freund einen nachdenklichen Blick zu.
»Meinst du, sie haben noch Kontakt?«
»Dann hätte sie uns angelogen.«
Er nickt und starrt wieder dieses vermaledeite Notstromaggregat an. Das Ding steht seit Urzeiten herum. Jedes Mal, wenn sie es brauchen, dauert es eine Ewigkeit, es in Gang zu setzen. Und jedes Mal saut er sich die Hände bis zu den Ellenbogen ein. Mist, verdammter.
»Wie man darauf kommt, so was zu Weihnachten zu schenken, ist mir ein Rätsel.« Paul hält ihm einen größeren Schraubendreher hin. »Der muss doch nicht mehr ganz dicht sein.«
»Tja, wie auch?« Jacob grinst. »Das Zeug hat ihm ja schon die Schleimhäute verätzt. Er ist nicht mehr dicht.«
Sie lachen.
»Dass sie nichts gemerkt hat …«
»Wie soll sie das merken? Sie ist kein Arzt.«
»Aber diese nasale Stimme fällt doch sofort auf …«
»Und dann würdest du automatisch darauf schließen, dass der Mann kokst?« Jacob wirft ihm einen skeptischen Blick zu. »Okay, du vielleicht. Und ich auch. Aber wenn man sich mit so was nicht auskennt …«
»Glaubst du ihr?«, will Paul wissen.
Jacob nickt. »Klar. Was sollte sie uns verheimlichen?«
»Dass sie es doch ausprobiert hat …?«
»Nee.« Jacob schüttelt den Kopf. »Das traut sie sich schon wegen ihrer Allergie nicht.«
»Und wenn doch?«
Jacob ist sich sicher, dass Louisa nichts dergleichen täte. Er hat ihre Panik gesehen, als ihr schon nach einem Schluck Bier die Röte ins Gesicht stieg und die Haut zu jucken begann.
Doch Paul lässt nicht locker. »Ich würde auch nicht jedem meine Jugendsünden auf die Nase binden.«
»Ach nee?«
»Bestimmt nicht.«
Wieder trifft ihn ein seltsamer Blick. Jacob richtet sich auf. »Na los, erzähl mal. Welche deiner Sünden kenne ich noch nicht?«
Paul beginnt zu lachen, schüttelt den Kopf und weist auf das Notstromaggregat, das noch immer nicht läuft.
»Wir haben Wichtigeres zu tun.«
Jacob wischt noch immer mit dem alten Lappen an seinen Fingern herum. »Was meinst du, wie lange es dauert?«
»… Keine Ahnung. Der letzte Stromausfall ist ewig her.«
»Hmhm, ich weiß.« Er setzt ein nachdenkliches Gesicht auf. »Aber bei den Schneemassen draußen sehe ich schwarz. Wir sollten uns auf mehr als ein paar Stunden einstellen.«
Paul deutet wieder auf das Aggregat. »Wenn das erst mal läuft, kein Problem. Der Ofen ist schnell angeheizt. Wäre nicht das erste Mal, dass wir uns ohne Strom behelfen müssen.«
»Nur, dass wir diesmal nicht allein sind.«
»Na wunderbar. Louisa kann nicht ins Hotel zurück. Wir haben also alle Zeit der Welt, uns mit ihr zu beschäftigen.«
»Und klarzumachen, was wir eigentlich von ihr wollen.«
»Das auch.«
»Lass uns die Gelegenheit nutzen.«
»Du meinst, weil sie nicht weg kann?«
»Möglich, dass das ein Vorteil ist. Aber ich meine, nutzen für ein vernünftiges Gespräch.«
»Wenn sich die Gelegenheit ergibt …«
»Paul!« Jacob ist selbst irritiert, wie laut er plötzlich spricht, und dämpft seine Stimme. »Lass uns Klartext reden. Je eher, desto besser. Ich will mich nicht in etwas hineinsteigern, dass keine Zukunft hat. Und sie soll das auch nicht tun.«
»Spielverderber!« Kopfschüttelnd fängt Paul an, in einer Ecke der Kammer herumzukramen.
Jacob wirft den Lappen auf das Aggregat. »Jetzt mal im Ernst – als Idee ist die Sache ja ganz witzig. Aber wie soll das real aussehen?«
»Oh Mann, haben wir doch ausgiebig besprochen.«
»Ach ja? Und sind wir uns wirklich darüber bewusst, was das mit unserer Freundschaft macht?«
Paul wendet ihm den Kopf zu. »Was heißt das jetzt?«
»Keine Ahnung. Sich eine Frau für einen Abend zu teilen, ist nicht dasselbe wie für ein ganzes Leben.«
»Schon klar.«
»Stell dir vor, einer von uns wird eifersüchtig?«
»Warum sollte er? Wir waren nie eifersüchtig aufeinander.«
Jacob legt den Kopf schief. »Hast du mal daran gedacht, dass sie sich vielleicht nur in einen von uns verliebt und den anderen als nötiges Anhängsel betrachtet?«
»Erst mal muss sie sich überhaupt verlieben.«
»Jetzt bleib doch mal ernst! Stell dir vor, sie will nur mich. Nehmen wir an, weil sie nicht auf BDSM steht.«
»Blödsinn! Sie schreibt darüber.«
»Stell es dir vor, Mann!«
Paul verschränkt die Arme vor der Brust. »Das ist wieder typisch. Warum sollte sie sich für dich entscheiden? Weil ihr dein Bart besser gefällt?« Sein Mund verzieht sich zu einem süffisanten Lächeln, während er sich über das eigene Kinn reibt.
Als Bart kann man das nun wirklich nicht bezeichnen, findet Jacob. Höchstens als Schatten.
»Ob mit oder ohne Bart, ist doch völlig wurscht, verdammt noch mal!«, sagt er. Dann will er weitersprechen, aber von draußen vernimmt er plötzlich ein Geräusch. Er macht eine Kopfbewegung Richtung Tür und legt sich den Finger über die Lippen. »Sie ist wach.« …

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