Schneemänner-Talk, das 5. Gespräch

»Guck dir das an. Der Wagen ist fast eingeschneit.« Paul stapft quer über den Hof durch den frisch gefallenen Schnee und deutet zu seinem Geländewagen rüber.
Seit seiner Ankunft sind vielleicht fünf, sechs Stunden vergangen. Aber der Freelander sieht aus, als wäre er seit Tagen nicht bewegt worden.
Jacob bückt sich, formt einen Schneeball und zielt auf den Rücken des Freundes.
»Hey!«, empört sich der, als ihn der Ball trifft. Dann bückt er sich und schießt zurück.
Jacob weicht zur Seite, lacht. »Hättest mehr Zielwasser trinken sollen!« Er feuert den nächsten ab und trifft Paul erneut. Diesmal an der Schulter. Aber so geschickt, dass Paul das nasse Zeug ins Gesicht kriegt.
»Na warte!«, stößt der so laut aus, dass es garantiert bis zu den Nachbarn zu hören ist.
In den nächsten Minuten liefern sie sich eine ausgelassene Schneeballschlacht, bis sie beide in einer Rangelei zu Boden gehen und sich wie die Kinder gegenseitig den Schnee ins Gesicht reiben.
»Das müsste Louisa sehen«, meint Jacob.
»Lieber nicht«, gibt Paul zurück. »Das untergräbt unsere Autorität.«
Jacob zerrt am Jackenkragen des Freundes und schiebt ihm eine Ladung Schnee ins Genick. »Ick wull die wat. Von wegen Autorität«, fällt er in den norddeutschen Slang, mit dem Ole, der Dorfarzt, gelegentlich für Lacher sorgt.
Wieder wälzen sie sich am Boden, bis Paul den Freund entschieden auf Abstand hält.
»Gut jetzt. Wir sollten sehen, dass wir noch ne Runde Schlaf kriegen.«
Er hilft Jacob hoch, sie klopfen sich gegenseitig den Schnee ab und laufen in Richtung Haus.

Drinnen ist es mollig warm. Die beiden Männer schlüpfen aus ihren durchnässten Klamotten. Und während Paul das nasse Zeug rüber in den Heizungsraum trägt, wo es am schnellsten trocknet, nimmt Jacob zwei Bier aus dem Kühlschrank und hockt sich mit den beiden Flaschen auf die Ofenbank, den Rücken fest an die noch warmen Kacheln gepresst. Bevor er rüber ins Hotel ging, um Louisa beim Abendessen Gesellschaft zu leisten, hat er Holz nachgelegt. Um diese Zeit allerdings, es ist weit nach Mitternacht, ist das Feuer natürlich runtergebrannt. Trotzdem spendet der alte Kachelofen noch genügend Wärme. Gut, dass sie den damals beim Sanieren nicht kurzerhand rausgeworfen haben. Denn im Grunde hätte die moderne Heizung für das kleine Reetdachhaus mit seinen wenigen Räumen genügt. Aber Paul ist Nostalgiker. Und Jacob mag die urige Atmosphäre, die das grüne Monstrum in der Küche verbreitet, ebenfalls.
»Meinst du, wir haben sie überfordert?« Paul betritt die Küche, schaut sich kurz um und setzt sich dann neben ihn an den Ofen. »Wirkte, als wär ziemlich viel neu für sie gewesen.«
»Hmhm«, macht Jacob, nimmt einen langen Zug, und schaut dabei versonnen in die Dämmerung des Raums. »Zumindest hatte sie wohl noch keinen Dreier.«
»Und Analverkehr auch nicht.«
»Fürs erste Mal hat sie sich ganz gut angestellt.«
»Na ja, mit entsprechender Vorbereitung …«, murmelt Paul zustimmend.
Jacob hebt die Hand zum High Five und Paul schlägt ein.
»Ich bin trotzdem skeptisch, ob das so eine gute Idee war«, hört er Paul sagen. »Kenn ich aus meinen Sessions. Erst sind sich die Mädels ganz sicher, was sie alles wollen. Und kaum geht es bisschen heftiger zur Sache, spürst du, wie sie sich verkrampfen.«
»Also kopflastig ist sie schon.«
»Stimmt. Trotzdem sehe ich Potential.«
»Für uns allgemein oder für dich?«
»Für uns beide«, meint Paul. »Sie hat nicht rumgezickt. Sie hat ohne den geringsten Widerstand zugelassen, dass wir sie zu zweit vögeln. Und irgendwann konnte sie sogar abschalten. Das sind aus meiner Sicht genügend Gründe, warum wir es mit ihr versuchen sollten.«
Auf Jacobs Gesicht schleicht sich ein zufriedenes Grinsen. »Dann hab ich sie also gut ausgewählt.«
»Hast du, Kumpel. Hast du.«
Jacob nickt vor sich hin und nimmt einen langen Schluck aus seiner Bierflasche. »Wie geht’s weiter?«
»Wir klopfen sie weich. Mit Phase zwei unseres Verwöhnprogramms.« Paul prostet ihm zu und trinkt ebenfalls. »Du servierst ihr das Frühstück, ich kümmere mich derweil um die Pizza.«
»Bleibt’s dabei, dass wir sie hierher locken?«
»Na klar.«
»Und wenn sie nicht mitspielt?«
Paul verdreht die Augen. »Sie wird. Wir müssen nur dafür sorgen, dass ihre Klamotten ordentlich nass werden.«
»Mit’m Bad in der Ostsee ist gerade schlecht«, wirft Jacob belustigt ein.
Paul legt ihm mit derselben Belustigung die Hand auf die Schulter. »Das ist sowieso nur was für harte Kerle.« Seine Brauen heben sich. »Schnee tut’s auch. Wir seifen sie mal so richtig ein.«
»Wie das böse Jungs mit süßen Mädels in der Schule tun?« In Jacobs Brust gluckst es.
»Genau so, Alter«, sagt Paul und reibt sich den Rücken wohlig an den Ofenkacheln. »Genau so. Übrigens …« Er deutet mit dem Kopf zum Küchenfenster. »Du musst noch deinen Obolus entrichten. Nicht vergessen.«
»Ja, ja.« Jacob steht auf, zückt seine Geldbörse und fischt ein paar Münzen heraus, die er mit lautem Klimpern in das blau-weiß gemusterte Sparschwein fallen lässt. »Morgen bist du dran«, verlangt er dann.
Paul grinst. »Wir werden sehen.«
Einen Moment lang hängt jeder von ihnen seinen Gedanken nach.
»Denkst du, sie wird mehr als eine nette Affäre?«, fragt Jacob schließlich.
Paul wiegt den Kopf. »Weiß nicht, ob ich mich da jetzt schon festlegen will.«
»Was spräche denn für eine Affäre?«
»Definitiv der Dreier. Steht auf der Liste weiblicher Fantasien zwar ganz oben, aber ich schätze, vielen ist es hinterher peinlich. Aus Scham brechen sie den Kontakt ab. Denn sind wir mal ehrlich: Kannst du das jemals wieder vergessen, wenn du dich für einen der beiden entscheidest? Außerdem – wer sagt dir, dass der Gewinner dir nicht später aus lauter Eifersucht Szenen macht? Dann ist’s doch besser, du siehst keinen von ihnen wieder, hakst das Ganze als Fantasie auf deiner Liste ab und suchst dir jemanden, dem du niemals davon berichten musst.«
»Scheiße!« Jacob reibt sich das stopplige Kinn so heftig, dass es raschelt. »Dann haben wir die Sache wohl völlig falsch aufgezogen.«
»Jetzt warte doch mal ab. Jede Frau ist anders.«
»Immerhin hat sie ja diesen Roman geschrieben – abwegig scheint ihr der Gedanke, zwei Männern zu haben, nicht zu sein.«
»Wie gesagt, ganz oben auf der Liste.«
»Und was spricht dann gegen eine Affäre und für mehr?«
Paul zuckt mit den Schultern. »Neugier?« Sein Grinsen wird breiter. »Oder wir zwei Hübschen. Come on, Jack – zumindest kann sie sich mit uns sehen lassen.«
Er bricht in lautes Lachen aus und Jacob stimmt ein.
»Die Chancen stehen also fifty fifty«, meint Jacob schließlich.
»Ich würde eher sagen dreißig siebzig.«
»Für uns?«
»Dagegen.«
»Du bist doch sonst nicht so negativ.«
»Nur skeptisch, mein Freund. Nur skeptisch.« Paul leert seine Bierflasche und stellt sie auf den Boden. »Wir sollten mit unserem Vorschlag nicht zu schnell herausrücken.«
»Heißt was?«
»Wir müssen uns erst sicher sein.« Pauls Blick ist ernst geworden. »Beide. Ich hab keinen Bock, mich zum Affen zu machen.«
»Klar, Mann. Aber du kennst mich. Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende. Für mich ist es keine Option, mit einer Lüge zu starten.«
»Wir lügen nicht, wir lassen nur was weg.«
Jacob nickt zustimmend. »Kann man machen. Aber nicht ewig. Bevor wir wieder nach Berlin fahren, will ich, dass wir Klartext mit ihr reden.«
»Dann haben wir nicht viel Zeit.« Paul schaut zur Uhr. »Heute ist Silvester.«
»Also geben wir Gas.« Jacob springt auf. »Ich hau mich noch ne Stunde aufs Ohr. Gegen neun muss ich los, Frühstück servieren.« Er grinst und tätschelt dem Freund die Schulter. »Während du dich an den Herd stellst, Schatz.«
Paul schlägt seine Hand weg und versetzt ihm einen angedeuteten Hieb in die Magengrube.
»Wenn das mal gut geht«, sagt er dann wie zu sich selbst.

Und wer die bisherigen Männergespräche verpasst hat, hier noch einmal die Links zu den geheimen Talks.

Das 1. Gespräch

Das 2. Gespräch

Das 3. Gespräch

Das 4. Gespräch

 

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