Schneemänner-Talk, das 3. Gespräch

»Wenn sie das jemals rausfindet, denkt sie, ich hätte sie gestalkt.« Jacob streicht sich über den dunklen Bart und verdreht die Augen. »Ich hoffe, Anna plaudert meine Schandtat nicht irgendwann aus.«

Pauls dröhnendes Lachen wird von der lauten Musik im Club übertönt. Heute Abend ist es schwierig, ein vernünftiges Wort miteinander zu wechseln. Der Laden ist rappelvoll und vibriert unter den Rhythmen der Liveband.

»Wenn Anna quatscht, kann sie sich frisch machen«, sagt Paul. In seinen Augen blitzt es vergnügt.
»Du denkst echt nur an das Eine.« Jacob zieht eine Grimasse.
Paul nimmt vom Barkeeper die beiden Biergläser entgegen und reicht eines an Jacob weiter. »Was hast du denn nun herausgefunden?«
»Haarfarbe, Augenfarbe, Essgewohnheiten. Dass sie die Putzfrauen nur alle zwei Tage in ihr Zimmer lässt …«
»Vielleicht macht sie ihr Bett selbst?«
»Oder sie ist das Chaos in Person.« Jacob grinst.
»Na, wenigstens scheint ihr das vor anderen peinlich zu sein.«
»Vielleicht. Vielleicht auch nicht.« Jacob nippt an seinem Bier. »Möglich, dass sie eher Geheimnisse hat. Vielleicht gibt sie nur vor zu schreiben …«
»Blödsinn. Warum sollte sie Anna dann erzählen, sie sei Autorin?«
»Um eine falsche Spur zu legen?«
Doch Paul winkt ab. »Du liest zu viele Krimis.«
»Ich kann aber auch mit einem echten Geheimnis aufwarten.«
»Ach ja?« Paul grinst. »Was sollte das wohl sein?«
»Ihr Name vielleicht?«
»Sie heißt Louisa. Das hast du mir längst verraten.«
»Ja, mit Klarnamen.« Jacob guckt geheimnisvoll. »Ihre Bücher schreibt sie unter Pseudonym.«
»Und das weißt du von wem?«
»Von Anna.«
Paul grinst. »Ach herrje. Ob die Gäste wissen, was für ein loses Mundwerk die gute Anna hat? Sie soll sich bloß nicht erwischen lassen.«
»So lose ist es nun auch wieder nicht. Ich musste sie schon ein bisschen überreden.«
»Überreden? Wie sah das denn aus? Hast du ihr eine heiße Nacht in der Penthousesuite versprochen?«
Jacob starrt ihn an und schüttelt entgeistert den Kopf. »Ich dachte, wir wären uns einig, dass Anna keine Frau für dieses Projekt ist. Schon deshalb nicht, weil sie illoyal ist.«
»Sagt ja niemand. Aber dürfen wir jetzt auch keine mehr flachlegen?« Paul klopft dem Freund versöhnlich auf die Schulter. »Also, meinen Segen hast. Jederzeit.«
»Ich brauch deinen Segen nicht, verdammt.«
»Na, das ist mein Jack. Nimmt sich, was er will. Und das, ohne zu fragen.«
»Worauf du wetten kannst.«
»Okay, okay. Jetzt aber weiter im Text. Wir waren bei Namen.«
»Namen?« Jacob guckt irritiert.
»Na, ihr Pseudonym. Du meintest doch, Anna hätte es dir verraten.«
»Sarah Tears.«
Paul mustert ihn aufmerksam. »Tears wie Tränen?«
Jacob nickt.
»Was könnte das bedeuten? Warum nennt man sich Tears?«
»Keine Ahnung. Weil es sich gut anhört?«
»Und warum englisch?«
»Na, Sarah Tränen klingt ja wohl irgendwie bescheuert.«
»Darum geht’s doch gar nicht. Aber dass sich diese Autoren englische Nicks geben … Woher kommt das? Warum bleiben sie nicht bei ihrem Klarnamen? Oder suchen sich wenigstens was aus, das nicht automatisch eine Verbindung in den angloamerikanischen Raum impliziert?«

Jacob weiß, warum Paul das fragt. Neben Fachliteratur interessiert er sich, anders als Paul, auch für Schöngeistiges. Es gibt tatsächlich Romane, die ihn fesseln können. Die von Sarah Tears allerdings würde er natürlich unter ganz anderen Gesichtspunkten lesen.

»Was weiß denn ich«, gibt er jetzt zurück. »Unsere Louisa jedenfalls schreibt Liebesromane.« Er senkt den Kopf und hebt die Brauen leicht an. »Und wenn ich Klappentexte und Rezensionen richtig interpretiere, geht’s darin ordentlich zur Sache.«
»Heißt was?«
Er legt den Kopf schief. »Erotik … BDSM …«
»Och neeeee.« Paul lehnt sich zurück und rauft sich das Haar. »Nicht dein Ernst!«
»Wieso?«
»Noch so eine Tussi, die auf diesen 50-Shades-Zug aufspringt.«
»Du hast doch noch gar nichts von ihr gelesen.«
»Mir reicht, was du erzählst.«
»Du bist voreingenommen. Was, wenn sie auch in deiner Liga spielt?«
»Das glaubst du wohl selbst nicht.« Paul lacht. »Dann würdest du sie doch nicht ernsthaft als Frau für uns beide in Betracht ziehen.«

Das ist allerdings wahr, muss sich Jacob eingestehen. Wenn Sarah Tears nicht nur über SM schreibt, sondern erkennbar in der Szene steckt, ist sie raus aus dem Rennen. Auf eine wirkliche Masochistin hat er keinen Bock. Doch aus irgendeinem Grund bezweifelt er, dass das auf sie zutrifft. Warum sollte sie anders sein als andere Frauen, die sich neuerdings für BDSM interessieren? Warum sollte es ausgerechnet bei ihr mehr sein als pure Neugier? Zahlreiche ihrer Kollegen beweisen doch, dass es anders geht. Dass es reicht zu recherchieren. Und offenbar sogar mehr schlecht als recht. Man muss sich heutzutage nicht auspeitschen lassen, um eine Ahnung davon zu bekommen, wie sich das anfühlt. Der Leserin reicht’s doch, wenn ihr Kopfkino angekurbelt wird. Ob die Dinge de facto stimmen, ist ihr sicher vollkommen egal.

Nachdenklich spielt er mit seinem Bierdeckel. »Hast ja recht«, räumt er ein. »Ich glaube nicht daran, dass sie wie du tickt. Aber in ihren Geschichten scheint sie einiges richtig zu machen. Jedenfalls sind ihre Leser begeistert.«
»Klar sind sie das. Die können in der Regel überhaupt nicht einschätzen, ob jemand realistisch über BDSM schreibt oder sich einfach nur was ausdenkt.«
»Jetzt lass doch mal die Kirche im Dorf.« Jacob rollt mit den Augen, obwohl er eben noch dasselbe gedacht hat. Aber er will sich Louisa nicht madig machen lassen. Eine innere Stimme sagt ihm, sie könnte passen. »Mann, hätte ich nur nichts gesagt.«
»Hast du aber.«
»Ist ja gut. Beruhige dich … Es gibt noch was anderes, was für uns viel wichtiger ist.« Dann muss er jetzt also den Joker aus dem Ärmel ziehen.
»Nämlich?« Paul legt skeptisch den Kopf schief.
»Sie hat über einen Dreier geschrieben.«
»Im Bett?«
»Nee. Über eine Frau, die mit zwei Männern lebt.«
»Ach echt?«
Na bitte. Treffer und versenkt.
»Echt. ‚Doppelherz‘ oder so heißt die Story.«
»Hast du sie gelesen?«
»Noch nicht. Aber die Kommentare sind vielversprechend.«
Paul setzt eine Grübelmiene auf. »Und du meinst, sie hat das selbst erlebt?«
»Woher soll ich das wissen. Bei BDSM sprichst du ihr die Erfahrungen ja offenbar ab.«
»Das ist doch ganz was anderes.«
»Finde ich nicht.«
»Würde mich wirklich interessieren«, fährt Paul fort, ohne auf Jacobs Protest einzugehen. »Irgendwas muss sie doch dazu inspiriert haben?«
»Oder sie ist gut im Recherchieren.«
»… oder zieht die Infos aus ihrem Netzwerk«, ergänzt Paul. »… Freunde, die so leben.«
»Genau – und die hat sie darüber ausgefragt.«
»Würdest du einer Autorin freiwillig von deinem Intimleben berichten?« Paul hebt die Brauen. »Ist doch kreuzgefährlich! Ich hätte keine Lust, auf diese Weise in den öffentlichen Fokus zu geraten.«
»Sie wird es doch nicht eins zu eins in den Roman übernehmen.«
»Wärst du dir da sicher?«
»Nein, wär ich nicht. Aber unter vernünftigen Gesichtspunkten …«
»Können Kreative überhaupt vernünftig denken? Haben die nicht immer irgendwelche Flausen im Kopf, die lieber keiner wissen will?«
»Heißt das jetzt, du willst sie nicht?«
»Nein. Das heißt es nicht. Aber ein bisschen komisch ist mir schon bei dem Gedanken, mich auf jemanden einzulassen, der so etwas tun könnte. Mich bloßstellen.«
»Mann, darauf hab ich doch auch keinen Bock. Wir checken sie erst mal gründlich ab.«
»Bevor oder nachdem wir …« Paul grinst vielsagend. »Du weißt schon.«
»Wird sich finden. Keine Ahnung, was Anna noch an Infos liefert. Den Rest müssen wir dann selbst abklären.«
Paul schnauft. »Ich bin sowieso gespannt, wie du das überhaupt anleiern willst.«
»Das Treffen mit ihr?«
»Genau.«
»Ganz einfach. Ich könnte ihr irgendwo im Hotel auflauern und dann ganz zufällig mit ihr ins Gespräch kommen.«
»Dazu müsstest du erst mal wissen, wann sie wieder dort ist.«
»Das wird mir Anna schon verraten.«
»Warum sollte sie?«
»Aus rein freundschaftlichen Gefühlen?«
Paul lacht laut auf. »Und dann? Lässt du hier alles stehen und liegen und eilst zu ihr?«
»So ungefähr.«
»Du spinnst … Aber gut, mach mal. Ich lass mich überraschen.« Er nimmt sein Glas und stößt es klirrend gegen das des Freundes. »Vor allem: Mach schnell. Ich will mich nicht ewig mit einem Phantom begnügen müssen.« …

Das war also das 3. Gespräch der Schneemänner. Weil der Newsletter-Versand technische Probleme bereitet, findet es noch einmal hier im Blog statt. Sobald die Probleme behoben sind – leider bin ich da auf Zuarbeit des Supports angewiesen, schicke ich den Newsletter raus. Vorbereitet ist alles. Bitte habt noch ein wenig Geduld :-) Ich halte euch auf dem Laufenden.

Liebe Grüße, eure Nora

2 Gedanken zu „Schneemänner-Talk, das 3. Gespräch

  1. Wenn ich das so lese, wird mir die Metamorphose erst so richtig bewusst, die die beiden Schneemänner durchmachen werden. Vom auf kurzfristigen Fun ausgerichteten Playboy hin zum verlässlichen Bestandteil einer polyamoren Familie mit Kind. Das ist doch mal eine Reise.

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